B2

Fortgeschrittene Konjugationsregeln im Ungarischen

Haladó Ragozási Szabályok

Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Im Ungarischen richtet sich die Verbform nicht nur nach dem Subjekt, sondern auch nach der Art des direkten Objekts. Für ein Objekt der zweiten Person verwendet ein Subjekt der ersten Person Singular die besondere Endung -lak/-lek (látlak „ich sehe dich“); engem, téged, minket, titeket stehen sonst mit der unbestimmten Konjugation, Reflexivpronomen wie magamat dagegen mit der bestimmten.

Überblick

Wer bereits Sätze wie Olvasok egy könyvet („Ich lese ein Buch“) und Olvasom a könyvet („Ich lese das Buch“) kennt, beherrscht die Grundidee: Ungarische Verben haben eine unbestimmte Konjugation (alanyi ragozás) und eine bestimmte Konjugation (tárgyas ragozás). Ein direktes Objekt ist die Person oder Sache, auf die sich die Handlung unmittelbar richtet — in „Ich sehe den Mann“ ist „den Mann“ das direkte Objekt.

Auf B2-Niveau reicht die Faustregel „egy = unbestimmt, a/az = bestimmt“ nicht mehr aus. Personalpronomen verhalten sich je nach grammatischer Person unterschiedlich, die Beziehung „ich → du/ihr“ hat eine eigene Verbendung, und Reflexivpronomen wie magamat („mich selbst“) lösen die bestimmte Konjugation aus. Das ist für deutschsprachige Lernende ungewohnt: Im Deutschen bleibt sehe in „ich sehe dich“, „ich sehe ihn“ und „ich sehe mich selbst“ gleich.

Die Wahl der Konjugation ist keine Frage der tatsächlichen Bekanntheit. Entscheidend ist die grammatische Form des Objekts. Deshalb steht engem („mich“) trotz seiner eindeutigen Bedeutung mit einer unbestimmten Verbform, während magamat („mich selbst“) eine bestimmte Form verlangt.

So funktioniert es

Die drei Möglichkeiten

Bei einem transitiven Verb — einem Verb, das ein direktes Objekt haben kann — sind drei Muster auseinanderzuhalten:

Beziehung zwischen Subjekt und Objekt Muster Beispiel Bedeutung
beliebiges Subjekt + unbestimmtes Objekt unbestimmte Konjugation Kérek egy kávét. Ich hätte gern einen Kaffee.
Subjekt + bestimmtes Objekt bestimmte Konjugation Kérem a kávét. Ich nehme/bitte um den Kaffee.
1. Person Singular + Objekt der 2. Person besondere Endung -lak/-lek Várlak. Ich warte auf dich/euch.

Zum Vergleich zeigt vár („warten auf, erwarten“) im Präsens die beiden regulären Reihen. Die Akkusativendung -t am Objekt markiert dabei, wen oder was man erwartet.

Person des Subjekts unbestimmt bestimmt
én „ich“ várok várom
te „du“ vársz várod
ő „er/sie“ vár várja
mi „wir“ várunk várjuk
ti „ihr“ vártok várjátok
ők „sie“ várnak várják

Die Sonderform várlak gehört nur zur Beziehung én → téged/titeket. Sie ist also keine vollständige dritte Konjugationsreihe für alle Personen.

Die Endung -lak/-lek

Ist das Subjekt „ich“ und das direkte Objekt „du“ oder „ihr“, trägt das Verb -lak/-lek:

  • látlak (téged) — ich sehe dich
  • szeretlek (téged) — ich liebe dich
  • várlak titeket — ich warte auf euch
  • kérlek (téged) — ich bitte dich

Welche Variante erscheint, hängt von der Vokalharmonie des Verbs ab: meist steht -lak bei hinteren Vokalen wie a, á, o, ó, u, ú und -lek bei vorderen Vokalen wie e, é, ö, ő, ü, ű. Daher heißt es látlak, aber szeretlek. Bei Verben mit i/í und bei einzelnen Stämmen lernt man die tatsächlich vorkommende Form am besten zusammen mit dem Verb, etwa hívlak („ich rufe dich an“).

Das Pronomen wird häufig weggelassen, weil die Endung die Beziehung bereits eindeutig ausdrückt. Látlak kann nur bedeuten, dass „ich“ eine oder mehrere informell angesprochene Personen sehe. Téged oder titeket setzt man hinzu, wenn ein Kontrast oder besonderer Nachdruck nötig ist:

  • Téged hívlak, nem Pétert. — Dich rufe ich an, nicht Péter.
  • Mindkettőtöket szeretlek. — Ich liebe euch beide.

Die Sonderendung ist nicht auf das Präsens beschränkt. Sie verbindet sich auch mit Zeit- und Modusformen:

Form Beispiel Bedeutung
Präsens várlak ich warte auf dich/euch
Vergangenheit vártalak ich habe auf dich/euch gewartet
Konditional várnálak ich würde auf dich/euch warten
Aufforderungs-/Konjunktivform lássalak dass ich dich sehe / ich soll dich sehen

Solche Formen sollte man als Ganzes erkennen und üben. Die genaue Bildung von Vergangenheit, Konditional und Aufforderungsformen folgt zusätzlich deren eigenen Regeln.

Engem, téged, minket und titeket

Die Akkusativformen der Personalpronomen der ersten und zweiten Person lauten:

Person als Objekt Ungarisch deutsche Entsprechung Konjugation des Verbs
mich engem mich unbestimmt
dich téged dich unbestimmt; bei „ich → dich“ jedoch -lak/-lek
uns minket uns unbestimmt
euch titeket euch unbestimmt; bei „ich → euch“ jedoch -lak/-lek
ihn/sie/es őt ihn/sie/es bestimmt
sie (Plural) őket sie bestimmt

Daraus entstehen Kontraste, die aus deutscher Sicht nicht vorhersehbar sind:

  • Szeret engem? — Liebt er/sie mich? Die Form szeret ist unbestimmt.
  • Szeret téged? — Liebt er/sie dich? Ebenfalls unbestimmt.
  • Szereti őt? — Liebt er/sie ihn/sie? Die Form szereti ist bestimmt.
  • Szeretlek. — Ich liebe dich/euch. Hier steht die Sonderendung.

Wichtig ist die Person des ungarischen Pronomens, nicht die Bestimmtheit der deutschen Übersetzung. Die dritte Person (őt, őket) zählt zur bestimmten Konjugation; die erste und zweite Person bilden die genannte Ausnahme.

Reflexivpronomen: magamat, magadat und die übrigen Formen

Ein Reflexivpronomen bezeichnet dieselbe Person wie das Subjekt — etwa „mich selbst“ in „Ich sehe mich selbst“. Ungarische Reflexivpronomen mit der Akkusativendung -t lösen die bestimmte Konjugation aus:

Subjekt reflexives Objekt Beispiel
én magamat Látom magamat. — Ich sehe mich selbst.
te magadat Látod magadat. — Du siehst dich selbst.
ő magát Látja magát. — Er/sie sieht sich selbst.
mi magunkat Látjuk magunkat. — Wir sehen uns selbst.
ti magatokat Látjátok magatokat. — Ihr seht euch selbst.
ők magukat Látják magukat. — Sie sehen sich selbst.

Das zeigt den entscheidenden Unterschied zwischen engem und magamat. Beide können im Deutschen mit „mich“ wiedergegeben werden, doch nur magamat verweist zurück auf das Subjekt und verlangt die bestimmte Verbform:

  • Ő lát engem. — Er/sie sieht mich. Unbestimmt: lát.
  • Én látom magamat. — Ich sehe mich selbst. Bestimmt: látom.

In der Alltagssprache fällt bei manchen Reflexivformen das abschließende -t weg: Látom magam a tükörben. Die bestimmte Verbform bleibt trotzdem erhalten. In sorgfältiger Standardsprache und beim Lernen ist die volle Form magamat besonders klar.

Weitere Auslöser richtig einordnen

Die fortgeschrittenen Sonderfälle werden leichter, wenn man sie in das Gesamtsystem einordnet.

Objektart Beispiel Verbform
egy + Substantiv egy kávét kérek — unbestimmt
Substantiv ohne Artikel kávét kérek — unbestimmt
a/az + Substantiv a kávét kérem — bestimmt
Eigenname Pétert várom — bestimmt
Pronomen der 3. Person őt, őket látom/látjuk — bestimmt
Reflexivpronomen magamat, magát látom/látja — bestimmt
Demonstrativpronomen ezt, azt kérem — bestimmt
Possessivform a könyvemet olvasom — bestimmt
Fragewort oder unbestimmtes Pronomen kit?, mit?, valakit, valamit vársz?, kérsz? — unbestimmt
Objektsatz hogy igazad van tudom — bestimmt

Ein Objektsatz ist ein ganzer Nebensatz, der die Stelle eines Objekts einnimmt: Tudom, hogy igazad van („Ich weiß, dass du recht hast“). Auch wenn kein einzelnes Substantiv als Objekt erscheint, steht tudom in der bestimmten Form.

Beispiele im Zusammenhang

Ungarisch Deutsch Hinweis
Látlak az ablakból. Ich sehe dich vom Fenster aus. „ich → dich“: -lak
Nagyon szeretlek benneteket. Ich habe euch sehr lieb. benneteket ist eine gebräuchliche Alternative zu titeket
Tegnap kerestelek, de nem voltál otthon. Gestern habe ich dich gesucht, aber du warst nicht zu Hause. Sonderform in der Vergangenheit
Szívesen meghívnálak vacsorára. Ich würde dich gern zum Abendessen einladen. Sonderform im Konditional
Szeret engem? Liebt er/sie mich? engem verlangt die unbestimmte Form
Ismertek minket? Kennt ihr uns? minket + unbestimmte Konjugation
Anna vár téged a bejáratnál. Anna wartet am Eingang auf dich. 3. Person als Subjekt, daher kein -lak/-lek
Anna várja őt a bejáratnál. Anna wartet am Eingang auf ihn/sie. őt verlangt die bestimmte Form
Látom magamat a fényképen. Ich sehe mich selbst auf dem Foto. Reflexivpronomen + bestimmte Form
A gyerekek megmosták magukat. Die Kinder haben sich gewaschen. reflexives Objekt in der 3. Person Plural
Kérek egy kávét tej nélkül. Ich hätte gern einen Kaffee ohne Milch. egy kávét ist unbestimmt
Kérem a számlát. Ich hätte gern die Rechnung. a számlát ist bestimmt
Kit keresel? Wen suchst du? kit steht mit unbestimmter Konjugation
Ezt a filmet már láttam. Diesen Film habe ich schon gesehen. ezt a filmet verlangt die bestimmte Form
Tudom, hogy fáradt vagy. Ich weiß, dass du müde bist. der Nebensatz ist das bestimmte Objekt

Häufige Fehler

Nach engem die bestimmte Form verwenden

  • Falsch: Szereti engem?
  • Richtig: Szeret engem?
  • Warum: Engem ist ein Objekt der ersten Person und steht mit der unbestimmten Konjugation. Szereti wäre passend zu einem bestimmten Objekt der dritten Person, etwa őt.

Bei „ich → du“ nur die normale unbestimmte Form nehmen

  • Falsch: Én látok téged.
  • Richtig: Látlak téged. oder meist einfach Látlak.
  • Warum: Ein Subjekt der ersten Person Singular und ein Objekt der zweiten Person verlangen -lak/-lek. Das ausdrückliche én und téged sind nur bei Kontrast nötig.

-lak/-lek mit jedem Subjekt verwenden

  • Falsch: Anna szeretlek téged.
  • Richtig: Anna szeret téged.
  • Warum: -lak/-lek enthält bereits die Bedeutung „ich“. Bei Anna als Subjekt steht die normale unbestimmte Form.

Reflexivpronomen wie engem behandeln

  • Falsch: Látok magamat a tükörben.
  • Richtig: Látom magamat a tükörben.
  • Warum: Magamat ist ein Reflexivpronomen und verlangt die bestimmte Konjugation, obwohl die deutsche Übersetzung ebenfalls „mich“ enthält.

Nur auf den deutschen Artikel achten

  • Falsch: Várok Pétert.
  • Richtig: Várom Pétert.
  • Warum: Eigennamen sind bestimmte Objekte, auch wenn im Deutschen und Ungarischen kein Artikel vor ihnen steht. Umgekehrt ist kit? trotz der konkreten Frage unbestimmt: Kit vársz?

Hinweise zum Gebrauch

Ungarisch lässt Objektpronomen gern weg, wenn die Verbform genug Information liefert. Szeretlek nennt Subjekt und Objekt bereits eindeutig. Auch eine bestimmte Form wie Ismerem kann ohne ausgesprochenes Objekt stehen, wenn aus dem Gespräch klar ist, wen oder was man kennt. Im Deutschen muss man häufig „ihn“, „sie“ oder „es“ ergänzen; eine wortgetreue Übertragung führt daher leicht zu unnötigen ungarischen Pronomen.

Bei informeller Anrede gelten téged und titeket/benneteket. Die höflichen Formen Ön und Önök sind grammatisch dritte Person; als Objekte heißen sie Önt und Önöket und lösen die bestimmte Konjugation aus: Látom Önt („Ich sehe Sie“) und Várjuk Önöket („Wir erwarten Sie“). Hier steht trotz der deutschen Anrede „Sie“ niemals -lak/-lek.

Die kurzen Reflexivformen ohne abschließendes -t, etwa magam statt magamat, sind in gesprochener Sprache verbreitet. Für die Wahl der Verbform ändert die Verkürzung nichts: Jól érzem magam („Ich fühle mich gut“) hat weiterhin érzem, die bestimmte Form.

Über die Grundlagen hinaus

Die Objektkonjugation kann Information tragen, obwohl das Objekt nicht ausgesprochen wird. Vergleiche Kérek („Ich hätte gern etwas / ich bitte um etwas“) und Kérem („Ich nehme es / ich bitte darum“). Die Endung zeigt, ob ein bestimmtes, im Kontext bekanntes Objekt mitgedacht wird. Das ist besonders in kurzen Antworten wichtig.

Auch die Wortstellung verändert die Konjugationswahl nicht. Ungarisch ordnet Satzteile nach Thema und Hervorhebung recht frei an:

  • Pétert várom. — Auf Péter warte ich.
  • Várom Pétert. — Ich warte auf Péter.

In beiden Sätzen bleibt Pétert bestimmt. Ebenso bleibt téged ein Objekt der zweiten Person, gleich wo es steht: Téged szeretlek hebt „dich“ hervor, während Szeretlek neutraler ist.

Semantische Bestimmtheit und grammatische Bestimmtheit sind nicht immer dasselbe. Kit keresel? fragt möglicherweise nach einer ganz konkreten Person, verlangt aber wegen kit die unbestimmte Form. Tudom, hogy eljön enthält dagegen kein sichtbares Objekt mit a/az, doch der Objektsatz löst die bestimmte Form tudom aus. Auf fortgeschrittenem Niveau lohnt es sich deshalb, nicht „bekannt oder unbekannt?“ zu fragen, sondern das Objekt zunächst einer grammatischen Klasse zuzuordnen.

Übungstipps

  1. Bilde Kontrastdreiergruppen. Nimm ein Verb und sprich drei Formen laut: látok valakit („ich sehe jemanden“), látom őt („ich sehe ihn/sie“), látlak téged („ich sehe dich“). Wiederhole das mit vár, szeret, keres und hív.
  2. Markiere beim Lesen jedes direkte Objekt. Notiere daneben „1./2. Person“, „3. Person bestimmt“, „reflexiv“ oder „unbestimmt“ und überprüfe anschließend die Verbendung. So trainierst du die Entscheidung statt nur einzelne Sätze auswendig zu lernen.
  3. Übe ohne Pronomen. Antworte auf Fragen kurz mit Ismerem, Nem ismerem, Szeretlek oder Kérek. Ergänze danach das mitgedachte Objekt und erkläre dir selbst, warum die Form gleich bleibt.

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