Das Adverbialpartizip im Ungarischen
Határozói Igenév
Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
In Kürze
Das ungarische határozói igenév verbindet einen Verbstamm meist mit -va/-ve und beschreibt, wie oder unter welchen Umständen etwas geschieht: Nevetve ment el bedeutet „Lachend ging er oder sie weg“. Zusammen mit van kann dieselbe Form einen Zustand als Ergebnis einer Handlung ausdrücken: Az ajtó nyitva van – „Die Tür ist offen“. Die Variante -ván/-vén begegnet vor allem in gehobener oder schriftsprachlicher Sprache.
Überblick
Das Adverbialpartizip ist eine nicht nach Person und Zahl gebeugte Verbform. Vereinfacht gesagt macht es aus einem Verb eine nähere Bestimmung zu einer anderen Handlung. Ungarisch nennt diese Form határozói igenév. Sie kann im Deutschen je nach Zusammenhang einem Partizip wie „lachend“, einer Fügung mit „beim“ oder „durch“ oder einem Nebensatz mit „indem“, „während“ oder „nachdem“ entsprechen.
Auf B2-Niveau ist diese Form besonders nützlich, weil sie mehrere Informationen knapp in einem Satz bündelt. Olvasva tanulok sagt nicht nur, dass ich lerne, sondern auch wie: durch Lesen. Hazafelé sétálva találkoztam Annával verbindet zwei Handlungen: Während ich nach Hause ging, traf ich Anna. Anders als im Deutschen braucht das Ungarische dafür weder eine Konjunktion noch ein eigenes gebeugtes Verb im Nebensatz.
Die Form hat außerdem eine zweite wichtige Aufgabe. Mit van („sein“) beschreibt sie häufig einen Ergebniszustand, also einen Zustand, der durch eine vorherige Handlung entstanden ist: A levél meg van írva heißt, dass der Brief fertig geschrieben ist. Für Deutschsprachige erinnert das an „sein + Partizip II“, doch die ungarische Konstruktion folgt eigenen Regeln.
So funktioniert es
Bildung mit -va und -ve
Die gewöhnliche Endung lautet -va/-ve. Welche Variante verwendet wird, richtet sich nach der ungarischen Vokalharmonie: Nach Verben mit hinteren Vokalen steht gewöhnlich -va, nach Verben mit vorderen Vokalen -ve.
| Ungarische Form | Bedeutung | Bildung |
|---|---|---|
| olvas → olvasva | lesen → lesend, durch Lesen | hintere Vokale: -va |
| vár → várva | warten → wartend | hinterer Vokal: -va |
| nevet → nevetve | lachen → lachend | vordere Vokale: -ve |
| kér → kérve | bitten → bittend | vorderer Vokal: -ve |
| beszél → beszélve | sprechen → sprechend | vordere Vokale: -ve |
Die Endung tritt an den Verbstamm, nicht an eine bereits nach Person gebeugte Form. Man bildet also olvasva, nicht etwa aus olvasok („ich lese“) eine Form mit zusätzlicher Endung. Bei Verben auf -ik fällt das -ik weg: dolgozik → dolgozva („arbeitend“).
Einige häufige Verben haben einen veränderten Stamm. Diese Formen sollte man als Ganzes lernen:
| Infinitiv | Adverbialpartizip | Deutsche Entsprechung |
|---|---|---|
| enni | evve | essend, beim Essen |
| inni | ivva | trinkend, nach dem Trinken |
| tenni | téve | tuend; gelegt, gestellt |
| venni | véve | nehmend; unter Berücksichtigung |
Bei einem neuen oder unregelmäßigen Verb lohnt sich ein Blick ins Wörterbuch. Besonders Formen mit verändertem Stamm lassen sich nicht immer sicher vom Infinitiv ableiten.
Art und Weise, Mittel und Begleithandlung
Das Adverbialpartizip kann unterschiedliche Beziehungen zur Haupthandlung ausdrücken. Der genaue Sinn ergibt sich aus dem Verb und aus dem Zusammenhang.
- Art und Weise: Mosolyogva válaszolt. – „Er oder sie antwortete lächelnd.“
- Mittel: Gyakorolva tanulunk. – „Wir lernen durch Üben.“
- Gleichzeitige Handlung: Zenét hallgatva főzött. – „Beim Musikhören kochte er oder sie.“
- Umstand oder Anlass: A hírt hallva felhívott. – „Als er oder sie die Nachricht hörte, rief er oder sie an.“
Das unausgesprochene Subjekt (wer die Handlung ausführt) ist normalerweise dasselbe wie das Subjekt des Hauptverbs. In Az utcán sétálva megláttam Pétert bin ich sowohl die gehende als auch die sehende Person. Die Form selbst zeigt weder Person noch Zeit. Ob es um Gegenwart oder Vergangenheit geht, erkennt man am Hauptverb und am Kontext.
Ergänzungen des Verbs bleiben erhalten. Ein Akkusativobjekt (die Person oder Sache, auf die sich die Handlung direkt richtet) behält zum Beispiel seine Endung -t: könyvet olvasva – „beim Lesen eines Buches“. Ebenso bleiben andere Kasusendungen und Postpositionen stehen: a barátjára várva – „während er oder sie auf den Freund wartet“.
Verbpräfixe bleiben beim Partizip
Ungarische Verbpräfixe wie meg-, ki-, be- oder el- gehören in neutralen Partizipialformen normalerweise weiterhin zum Verb:
- megír → megírva („geschrieben, fertig geschrieben“)
- kinyit → kinyitva („geöffnet“)
- bezár → bezárva („geschlossen“)
- elolvas → elolvasva („zu Ende gelesen“)
Beim Ergebniszustand steht dann van nach dem Partizip: A bolt be van zárva. – „Das Geschäft ist geschlossen.“ Präfix und Partizip werden dabei nicht zusammengeschrieben: be van zárva, nicht bevan zárva.
Ergebniszustand mit van
Die Verbindung Adverbialpartizip + van stellt den Zustand in den Mittelpunkt, nicht den Vorgang. Sie antwortet häufig auf die Frage: „In welchem Zustand befindet sich etwas?“
| Ungarisch | Deutsch | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Kinyitják az ajtót. | Sie öffnen die Tür. | Handlung oder Vorgang |
| Az ajtó ki van nyitva. | Die Tür ist geöffnet/offen. | Ergebniszustand |
| Megírták a levelet. | Sie haben den Brief geschrieben. | abgeschlossene Handlung |
| A levél meg van írva. | Der Brief ist fertig geschrieben. | vorhandenes Ergebnis |
Die Form von van trägt Zeit und Modus: nyitva van („ist offen“), nyitva volt („war offen“), nyitva lesz („wird offen sein“), nyitva lenne („wäre offen“). In der Gegenwart lautet die Verneinung oft nincs: Az üzlet nincs nyitva – „Das Geschäft ist nicht geöffnet.“ In anderen Zeiten steht nem: Az üzlet nem volt nyitva – „Das Geschäft war nicht geöffnet.“
Die Variante -ván/-vén
-ván/-vén folgt ebenfalls der Vokalharmonie: látván („sehend, als … sah“), kérvén („bittend“). In der heutigen Alltagssprache ist diese Variante deutlich seltener als -va/-ve. Sie wirkt meist literarisch, feierlich, amtlich oder bewusst ironisch.
Häufig zeigt sie einen begleitenden Umstand, einen Grund oder eine bereits eingetretene Wahrnehmung: Látván a problémát, más megoldást keresett – „Da er oder sie das Problem sah, suchte er oder sie nach einer anderen Lösung.“ Die genaue deutsche Verbindung kann daher „als“, „da“, „nachdem“ oder ein Partizip sein. Besonders geläufig sind feste oder halb feste Formen wie lévén („da … ist/war“), mondván („mit den Worten; mit der Begründung“) und tudván („im Wissen“).
Beispiele im Kontext
| Ungarisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Olvasva tanulok a legtöbbet. | Durch Lesen lerne ich am meisten. | Mittel |
| Nevetve ment ki a szobából. | Lachend ging er oder sie aus dem Zimmer. | gleichzeitige Begleithandlung |
| A gyerekek énekelve mentek haza. | Die Kinder gingen singend nach Hause. | gleiches Subjekt in beiden Handlungen |
| Zenét hallgatva főzök. | Beim Musikhören koche ich. | zwei gleichzeitige Tätigkeiten |
| Munkába menet kávét ivva olvasta a híreket. | Auf dem Weg zur Arbeit las er oder sie beim Kaffeetrinken die Nachrichten. | begleitender Umstand |
| A kérdést megértve könnyebb válaszolni. | Wenn man die Frage verstanden hat, ist das Antworten leichter. | vorherige Voraussetzung |
| A barátjára várva sétált a téren. | Während er oder sie auf den Freund wartete, ging er oder sie auf dem Platz umher. | Ergänzung mit Endung bleibt erhalten |
| Az ajtó nyitva van. | Die Tür ist offen. | Zustand |
| A múzeum hétfőn zárva van. | Das Museum ist montags geschlossen. | übliche Zustandsangabe |
| A vacsora már el van készítve. | Das Abendessen ist schon zubereitet. | fertiges Ergebnis |
| A szabályok világosan le vannak írva. | Die Regeln sind klar aufgeschrieben. | Plural von van: vannak |
| Az ablak nem volt becsukva. | Das Fenster war nicht geschlossen. | Zustand in der Vergangenheit |
| Látván ezt, mindenki elhallgatott. | Als alle dies sahen, verstummten sie. | gehoben oder literarisch |
| Tudván, hogy késni fog, előre telefonált. | Da er oder sie wusste, dass es eine Verspätung geben würde, rief er oder sie vorher an. | Grund; gehobener Stil |
| Betegségre hivatkozva lemondta a találkozót. | Unter Berufung auf eine Krankheit sagte er oder sie das Treffen ab. | formeller Sprachgebrauch |
Häufige Fehler
1. Die Endung ohne Vokalharmonie wählen
- Falsch: nevetva ment el
- Richtig: nevetve ment el
- Warum: Nevet enthält vordere Vokale und verlangt deshalb -ve. Bei olvas steht entsprechend -va: olvasva.
2. Zwei verschiedene Handelnde unklar vermischen
- Problematisch: Hazaérve esni kezdett.
- Besser: Amikor hazaértem, esni kezdett. – „Als ich nach Hause kam, begann es zu regnen.“
- Warum: Bei hazaérve erwartet man normalerweise, dass das Subjekt des Hauptsatzes auch nach Hause kommt. Das unpersönliche „es“ des Wetterausdrucks kann diese Rolle nicht übernehmen. Ein Nebensatz nennt die handelnde Person eindeutig.
3. Einen Vorgang und einen Zustand verwechseln
- Falsch für „Jemand öffnet gerade die Tür“: Az ajtó ki van nyitva.
- Richtig: Valaki kinyitja az ajtót. oder Nyitják az ajtót.
- Warum: Ki van nyitva beschreibt vor allem das Ergebnis: Die Tür befindet sich im geöffneten Zustand. Für den laufenden Vorgang braucht man ein gebeugtes Verb.
4. van im Ergebniszustand vergessen
- Unvollständig als neutraler Standardsatz: Az ajtó nyitva.
- Richtig: Az ajtó nyitva van.
- Warum: In vollständigen neutralen Sätzen gehört die entsprechende Form von van zur Zustandskonstruktion. Auf Schildern oder in knappen Antworten kann jedoch allein Nyitva („Geöffnet“) stehen.
5. -ván/-vén wie eine neutrale Alltagsform verwenden
- Unnatürlich im lockeren Gespräch: Kávét fogyasztván beszélgettünk.
- Neutral: Kávét iszogatva beszélgettünk. – „Wir unterhielten uns bei einer Tasse Kaffee.“
- Warum: -ván/-vén ist heute stilistisch markiert. Im Alltag passt meist -va/-ve oder ein normaler Nebensatz besser.
Gebrauchshinweise
Kurze Formen mit -va/-ve sind in gesprochener und geschriebener Sprache ganz normal. Besonders häufig sind Bewegungs- und Körperhaltungsverben: ülve („im Sitzen“), állva („im Stehen“), fekve („im Liegen“), sírva („weinend“) und nevetve („lachend“). Auch feste Wendungen wie őszintén szólva („ehrlich gesagt“) oder általánosságban véve („im Allgemeinen betrachtet“) kommen oft vor.
Für Deutschsprachige gibt es keine einzige Übersetzungsschablone. Das deutsche Partizip Präsens passt bei nevetve gut: „lachend“. Bei olvasva tanul klingt dagegen „lesend lernen“ oft steif; natürlicher sind „durch Lesen lernen“ oder „lernen, indem man liest“. Bei einer zeitlichen Beziehung ist ein Nebensatz meist am klarsten: Hazaérve felhívott – „Als er oder sie zu Hause angekommen war, rief er oder sie an.“ Man sollte daher zuerst die Bedeutungsbeziehung verstehen und erst dann eine passende deutsche Form wählen.
Die Konstruktion mit van ist keineswegs falsch oder zu vermeiden. Sie ist ein fester Bestandteil des modernen Ungarischen. Dennoch passt sie nicht zu jedem Verb gleich gut. Am natürlichsten ist sie, wenn ein klar erkennbares Ergebnis oder ein aufrechterhaltener Zustand vorliegt: be van zárva („ist abgeschlossen“), elő van készítve („ist vorbereitet“), fel van írva („ist aufgeschrieben“). Wer den Handelnden oder den Vorgang hervorheben will, wählt eher einen Aktivsatz.
Bei der Zeichensetzung bildet eine kurze, eng mit dem Hauptverb verbundene Partizipialgruppe gewöhnlich keine selbstständige Nebensatzkonstruktion: Az utcán sétálva találkoztam Évával. Längere vorangestellte oder erklärend eingeschobene Gruppen können durch ein Komma übersichtlicher werden; feste Beispiele mit -ván/-vén stehen oft abgesetzt. Entscheidend sind Satzbau und Lesbarkeit, nicht allein die Endung.
Für Fortgeschrittene
Zeitverhältnis und Aktionsart
Das Adverbialpartizip trägt selbst keine grammatische Zeit. Trotzdem können Verbpräfix und Verbbedeutung zeigen, ob die Partizipialhandlung gleichzeitig oder vorher abgeschlossen ist:
- Hazafelé sétálva telefonált. – Während des Gehens telefonierte er oder sie.
- Hazaérve telefonált. – Nach der Ankunft zu Hause telefonierte er oder sie.
- Elolvasva a levelet, válaszolt. – Nachdem er oder sie den Brief gelesen hatte, antwortete er oder sie.
Das Präfix el- in elolvasva lenkt den Blick auf das vollständige Lesen. Ein deutscher Nebensatz mit „nachdem“ kann diese Reihenfolge deutlicher wiedergeben als ein wörtliches Partizip.
Zustandskonstruktion und Passivwirkung
Sätze wie A dokumentum alá van írva („Das Dokument ist unterschrieben“) können im Deutschen wie ein Zustandspassiv wirken. Ungarisch verwendet aber keine eigene Passivform an dieser Stelle. Das Adverbialpartizip bezeichnet den erreichten Zustand, während van Person, Zahl und Zeit trägt. Im Plural heißt es daher A dokumentumok alá vannak írva – „Die Dokumente sind unterschrieben“.
Ein Handelnder lässt sich zwar je nach Kontext ergänzen, doch die Konstruktion dient nicht in erster Linie dazu, ihn zu nennen. Soll wichtig sein, wer etwas getan hat, ist ein Aktivsatz meist idiomatischer: A szerző aláírta a dokumentumot – „Der Verfasser hat das Dokument unterschrieben.“
Lexikalisierte und formelle Verwendungen
Einige Partizipien funktionieren fast wie Adverbien oder Präpositionen. Valamit figyelembe véve bedeutet „etwas berücksichtigend“ beziehungsweise „unter Berücksichtigung von etwas“. Erre hivatkozva heißt „unter Berufung darauf“. In solchen Wendungen ist eine freie deutsche Übersetzung meist natürlicher als eine formgleiche Wiedergabe.
Bei mondván folgt oft eine Äußerung oder Begründung: Elutasította a kérést, mondván, hogy nincs rá idő – „Er oder sie lehnte die Bitte mit der Begründung ab, dafür sei keine Zeit.“ Lévén kann einen Grund angeben: Késő lévén hazamentünk – „Da es spät war, gingen wir nach Hause.“ Solche Formen sollte man zunächst sicher erkennen; für den eigenen neutralen Sprachgebrauch sind ein Satz mit mert oder mivel („weil/da“) und die gewöhnliche Form auf -va/-ve oft unkomplizierter.
Übungstipps
- Bilde Bedeutungsgruppen statt einzelner Formen. Nimm fünf häufige Verben und bilde jeweils eine passende Wendung: mosolyogva válaszol, zenét hallgatva tanul, ülve dolgozik. So lernst du zugleich, welche Kombinationen natürlich klingen.
- Übersetze nicht immer mit einem deutschen Partizip. Formuliere jeden Beispielsatz nacheinander mit „beim“, „indem“, „während“ oder „nachdem“. Entscheide dann, welche Variante die Beziehung am besten ausdrückt.
- Übe Zustände als Zeitreihe. Verwende dasselbe Partizip mit van, volt, lesz und lenne: Az ajtó be van zárva; be volt zárva; be lesz zárva; be lenne zárva. So trennst du die unveränderte Partizipform von der Zeitform des Hilfsverbs.
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