Fortgeschrittene Partizipien im Türkischen
İleri Düzey Ortaçlar
Dieser Artikel ist Teil des Türkisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Türkische Partizipien stehen vor dem Nomen und können ganze deutsche Relativsätze ersetzen: okuduğum kitap bedeutet „das Buch, das ich gelesen habe“. Auf B2-Niveau kommen besonders -mIş für einen abgeschlossenen Vorgang oder einen daraus entstandenen Zustand, die feste Doppelung -(A)r … -mAz im Sinn von „sobald“ und mehrere ineinander gesetzte Partizipialgruppen hinzu.
Überblick
Ein Partizip oder sıfat-fiil ist eine Verbform, die wie ein Adjektiv ein Nomen näher bestimmt. Im Deutschen geschieht das oft mit einem Relativsatz: „der Mann, der das Buch geschrieben hat“. Türkisch setzt die nähere Bestimmung dagegen vor das Bezugswort: kitabı yazan adam. Ein eigenes Relativpronomen wie „der“, „die“ oder „das“ gibt es in dieser Konstruktion nicht.
Bei den grundlegenden Formen hast du bereits -(y)An, -DIK und -(y)AcAk kennengelernt. Für fortgeschrittene Sätze reicht es jedoch nicht, nur das passende Suffix zu erkennen. Du musst zugleich feststellen, wer handelt, welche Ergänzung das Bezugswort im eingebetteten Satz wäre und wo die Grenzen einer langen Wortgruppe liegen. „Eingebettet“ bedeutet hier: Ein kleiner Satz ist Bestandteil eines größeren Satzes.
Hinzu kommen zwei häufige Muster. -mIş beschreibt vor einem Nomen meist etwas bereits Geschehenes oder dessen sichtbares Ergebnis. Die Paarform -(A)r … -mAz ist genau genommen eine adverbiale Verbform, also eine Form, die den Zeitpunkt der Haupthandlung angibt. Sie gehört dennoch in diesen Zusammenhang, weil sie aus den entsprechenden Aoristformen gebildet wird und in kompakten türkischen Satzgefügen eine wichtige Rolle spielt.
So funktioniert es
Die Schreibweise der Suffixe
Großbuchstaben in grammatischen Mustern stehen für veränderliche Laute:
- I folgt der vierfachen Vokalharmonie und wird zu ı, i, u oder ü.
- A folgt der zweifachen Vokalharmonie und wird zu a oder e.
- D wird je nach vorhergehendem Laut zu d oder t.
- (y) ist ein Bindelaut, der nur nach einem Vokal erscheint.
So umfasst -mIş die Formen -mış, -miş, -muş, -müş. -DIK kann unter anderem als -dık, -dik, -duk, -dük, -tık, -tik, -tuk oder -tük auftreten; vor einem besitzanzeigenden Suffix wird das abschließende k häufig zu ğ: oku-duğ-um.
1. -mIş: abgeschlossen oder als Ergebnis vorhanden
Die Grundform lautet:
Verbstamm + -mIş + Nomen
| Türkische Form | Bedeutung | Hinweis |
|---|---|---|
| uyu-muş çocuk | das eingeschlafene beziehungsweise schlafende Kind | Der erreichte Zustand steht im Vordergrund. |
| sol-muş çiçekler | verwelkte Blumen | Das Ergebnis ist sichtbar. |
| unutul-muş çanta | die vergessene Tasche | Das Verb steht im Passiv. |
| daha önce gel-miş misafirler | Gäste, die schon früher gekommen sind | Der Vorgang liegt vor dem Bezugspunkt. |
-mIş bezeichnet vor einem Nomen häufig Vorzeitigkeit: Das Geschehen ist bereits eingetreten, bevor die Handlung des Hauptsatzes stattfindet. Je nach Verb klingt im Deutschen ein Partizip („die geschlossene Tür“), ein Zustand („das schlafende Kind“) oder ein Relativsatz („Gäste, die schon angekommen sind“) am natürlichsten.
Wichtig ist der Unterschied zur finiten Verbform, also zu einer Form, die allein das Prädikat eines Satzes bilden kann. In Çocuk uyumuş kann -muş eine erschlossene oder nur berichtete Information ausdrücken: „Das Kind ist offenbar eingeschlafen.“ In uyumuş çocuk dient dieselbe Lautfolge als nähere Bestimmung von çocuk. Die Bedeutung „vom Hörensagen“ muss hier nicht vorhanden sein.
Wenn eine längere Gruppe klar abgegrenzt werden soll, kann olan hinzutreten:
- daha önce yayımlanmış rapor — der zuvor veröffentlichte Bericht
- daha önce yayımlanmış olan rapor — der Bericht, der zuvor veröffentlicht worden ist
Die zweite Fassung ist ausdrücklicher und in längeren oder formelleren Texten oft leichter zu lesen. olan ist jedoch nicht automatisch nötig.
2. -(A)r … -mAz: „sobald“
Bei diesem Muster wird dasselbe Verb zweimal gesetzt. Zuerst steht seine bejahte Aoristform, danach die verneinte Form auf -mAz:
bejahter Aorist + verneinter Aorist + Hauptsatz
| Muster | Deutsche Entsprechung | Aufbau |
|---|---|---|
| gelir gelmez | sobald jemand kommt/kam | gel-ir + gel-mez |
| çıkar çıkmaz | sobald jemand hinausgeht/hinausging | çık-ar + çık-maz |
| okur okumaz | sobald jemand liest/gelesen hat | oku-r + oku-maz |
| başlar başlamaz | sobald etwas beginnt/begann | başla-r + başla-maz |
Die beiden Teile werden nicht wörtlich als „kommt, kommt nicht“ verstanden. Zusammen bilden sie eine feste Zeiteinheit. Das Subjekt wird meist nicht wiederholt; wer im ersten Teil handelt, ergibt sich aus dem Zusammenhang oder aus dem Hauptsatz.
Die bejahte Aoristform ist nicht bei jedem Verb einfach -ar/-er. Es gibt auch -ır/-ir/-ur/-ür, und nach einem vokalisch auslautenden Stamm steht häufig nur -r. Daher heißen die Formen beispielsweise gelir, görür, çıkar, okur und başlar. Am zuverlässigsten lernst du das Muster mit der normalen Aoristform des jeweiligen Verbs. Der zweite Teil endet regelmäßig auf -maz/-mez.
Das Tempus des gesamten Satzes steht am Hauptverb:
- Eve gelir gelmez beni ara. — Ruf mich an, sobald du nach Hause kommst.
- Eve gelir gelmez beni aradı. — Sobald er/sie nach Hause kam, rief er/sie mich an.
3. Relativgruppen richtig aufbauen
Für komplexe Relativgruppen bleibt die grundlegende Rollenverteilung entscheidend:
- Ist das Bezugswort die handelnde Person oder Sache des eingebetteten Satzes, steht meist -(y)An: kitabı yazan adam — „der Mann, der das Buch schrieb“.
- Hat das Bezugswort dort eine andere Rolle, steht häufig -DIK + besitzanzeigendes Suffix: adamın yazdığı kitap — „das Buch, das der Mann schrieb“.
- Bei zukünftigem oder beabsichtigtem Geschehen steht entsprechend oft -(y)AcAk + besitzanzeigendes Suffix: yarın okuyacağım kitap — „das Buch, das ich morgen lesen werde“.
Das besitzanzeigende Suffix zeigt in diesen Formen die handelnde Person:
| Form | Bedeutung | Angezeigte Person |
|---|---|---|
| okuduğum kitap | das Buch, das ich gelesen habe | -um: ich |
| okuduğun kitap | das Buch, das du gelesen hast | -un: du |
| okuduğu kitap | das Buch, das er/sie gelesen hat | -u: er/sie |
| okuduğumuz kitap | das Buch, das wir gelesen haben | -umuz: wir |
| okuduğunuz kitap | das Buch, das ihr/Sie gelesen habt | -unuz: ihr/Sie |
| okudukları kitap | das Buch, das sie gelesen haben | -ları: sie |
Ein ausdrücklich genanntes Subjekt steht in solchen -DIK- und -(y)AcAk-Gruppen normalerweise im Genitiv, dem Fall auf die Frage „wessen?“: Ayşe'nin okuduğu kitap — „das Buch, das Ayşe gelesen hat“. Ist die Person schon durch das Suffix und den Zusammenhang klar, kann das Pronomen fehlen: okuduğum kitap statt benim okuduğum kitap.
4. Gruppen ineinander setzen
In Okuduğum kitabı yazan adam stecken zwei Ebenen:
- okuduğum kitap — das Buch, das ich gelesen habe
- [okuduğum kitabı] yazan adam — der Mann, der [das Buch, das ich gelesen habe] schrieb
Das innere Bezugswort kitap erhält hier den Akkusativ, den Fall des bestimmten direkten Objekts: kitabı. Die Kasusendung gehört also zum ganzen inneren Ausdruck und richtet sich nach dessen Aufgabe in der äußeren Gruppe. Ein hilfreiches Klammerbild ist:
[[okuduğum kitabı] yazan] adam
Beim Lesen gehst du am besten vom letzten Nomen rückwärts. adam ist der Kopf der gesamten Gruppe. yazan sagt etwas über diesen Mann aus. Das Objekt von yazan ist okuduğum kitabı, und okuduğum bestimmt wiederum kitabı näher.
Beispiele im Zusammenhang
| Türkisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Uyumuş çocuğu uyandırmayalım. | Wecken wir das eingeschlafene Kind nicht. | -mIş bezeichnet den erreichten Zustand. |
| Masada yarısı yenmiş bir pasta vardı. | Auf dem Tisch stand ein halb aufgegessener Kuchen. | Passivische Ergebnisbedeutung. |
| Daha önce burada çalışmış insanlar sistemi hemen anlar. | Menschen, die früher hier gearbeitet haben, verstehen das System sofort. | Abgeschlossene frühere Erfahrung. |
| Kapıyı açar açmaz içeri soğuk hava girdi. | Sobald er/sie die Tür öffnete, strömte kalte Luft herein. | Feste Doppelung mit açmak. |
| Gelir gelmez toplantı başladı. | Sobald er/sie kam, begann die Besprechung. | Das Tempus steht an başladı. |
| Haberi duyar duymaz annesini aradı. | Sobald er/sie die Nachricht hörte, rief er/sie die Mutter an. | Das Subjekt gilt für beide Handlungen. |
| Eve varır varmaz bana mesaj gönder. | Schick mir eine Nachricht, sobald du zu Hause ankommst. | Aufforderung im Hauptsatz. |
| Okuduğum kitabı yazan adam İstanbul'da yaşıyor. | Der Mann, der das Buch geschrieben hat, das ich gelesen habe, lebt in Istanbul. | Zwei ineinander gesetzte Relativgruppen. |
| Dün görüştüğümüz şirketin yayımladığı raporu inceledim. | Ich habe den Bericht geprüft, den die Firma veröffentlicht hat, mit der wir gestern gesprochen haben. | Die innere Gruppe bestimmt şirket näher. |
| Ayşe'nin önerdiği filmi yöneten kadın ödül aldı. | Die Frau, die bei dem von Ayşe empfohlenen Film Regie führte, erhielt einen Preis. | Genitivsubjekt Ayşe'nin plus äußeres -(y)An. |
| Yarın teslim edeceğimiz projeyi hazırlayan ekip burada. | Das Team, das das Projekt vorbereitet hat, das wir morgen abgeben werden, ist hier. | Zukünftiges inneres -(y)AcAk. |
| Çantada unutulmuş olan telefonu sahibine verdik. | Wir gaben das in der Tasche vergessene Telefon seinem Besitzer zurück. | olan grenzt die längere Bestimmung ab. |
Typische Fehler
1. Deutsche Relativsatzstellung übernehmen
- Falsch: kitap benim okuduğum
- Richtig: benim okuduğum kitap
- Warum: Die gesamte nähere Bestimmung steht im Türkischen vor dem Bezugswort. Das Bezugswort kitap kommt zuletzt.
2. Das Personalsuffix bei -DIK weglassen
- Falsch: benim okuduk kitap
- Richtig: benim okuduğum kitap
- Warum: Bei dieser Art Relativgruppe zeigt ein besitzanzeigendes Suffix, wer die Handlung ausführt. -um steht hier für „ich“; zugleich wird k vor dem Vokal zu ğ.
3. Ein genanntes Subjekt nicht in den Genitiv setzen
- Falsch: Ayşe okuduğu kitap
- Richtig: Ayşe'nin okuduğu kitap
- Warum: Das ausdrücklich genannte Subjekt einer -DIK-Gruppe steht in der Standardsprache normalerweise im Genitiv und stimmt mit dem Personalsuffix überein.
4. Das „sobald“-Muster wie eine Vergangenheit bilden
- Falsch: geldi gelmez başladı
- Richtig: gelir gelmez başladı
- Warum: Der erste Teil ist die bejahte Aoristform, nicht die Vergangenheitsform auf -DI. Nur das Hauptverb başladı trägt hier die Vergangenheitsmarkierung.
5. Die Kasusendung an das Partizip hängen
- Falsch: okuduğumu kitap yazan adam
- Richtig: okuduğum kitabı yazan adam
- Warum: In dieser Konstruktion ist das ganze Nomen okuduğum kitap Objekt von yazan. Deshalb erhält das Bezugswort kitap den Akkusativ: kitabı. Okuduğumu wäre eine substantivierte Form mit einer anderen Struktur und bedeutet etwa „das, was ich gelesen habe“ beziehungsweise „dass ich gelesen habe“.
Gebrauchshinweise
-mIş ist besonders natürlich bei bleibenden oder erkennbaren Ergebnissen: kırılmış pencere „zerbrochenes Fenster“, kapanmış dükkân „geschlossenes Geschäft“. Bei einer bloßen gleichzeitigen Tätigkeit passt oft -(y)An besser: uyuyan çocuk ist das Kind, das gerade schläft; uyumuş çocuk lenkt den Blick eher darauf, dass es eingeschlafen ist oder nun im Schlafzustand ist. Im Deutschen kann für beide Formen „das schlafende Kind“ passend sein, weshalb der Unterschied beim Übersetzen leicht verloren geht.
-(A)r … -mAz ist sowohl in Gesprächen als auch in geschriebenen Texten üblich. Es stellt den unmittelbaren Anschluss besonders knapp dar. Mit -ince/-ınca kann ebenfalls „als/wenn“ oder je nach Zusammenhang „sobald“ ausgedrückt werden, doch die Doppelung betont meist stärker: Die zweite Handlung beginnt praktisch ohne Verzögerung.
Lange Partizipialgruppen sind im Türkischen normaler als lange vorangestellte Attribute im Deutschen. Eine wortgetreue deutsche Nachbildung klingt deshalb schnell schwerfällig. Übersetze gedanklich lieber mit mehreren Relativsätzen und suche erst danach eine natürliche deutsche Formulierung. Beim türkischen Schreiben gilt umgekehrt: Auch wenn mehrere Ebenen grammatisch möglich sind, kann eine Aufteilung in zwei Sätze lesbarer sein, wenn zu viele Handelnde oder Bezugswörter aufeinandertreffen.
Über die Grundlagen hinaus
Partizipien können ohne ausgesprochenes Bezugswort substantiviert werden, also selbst die Stelle eines Nomens einnehmen. Dann folgen Plural-, Besitz- und Kasusendungen direkt auf die Form:
- gelenler — diejenigen, die kommen/gekommen sind
- okuduğumu hatırlıyorum — ich erinnere mich an das, was ich gelesen habe
- geleceğini biliyorum — ich weiß, dass er/sie kommen wird
Die letzten beiden Beispiele können je nach Verb auch als eingebettete Inhaltssätze verstanden werden. Die Form auf -DIK oder -(y)AcAk bezeichnet dann nicht mehr einfach ein ausgelassenes Nomen, sondern einen ganzen Sachverhalt. Genau deshalb ist die Wortgrenze wichtig: okuduğum kitap ist „das Buch, das ich gelesen habe“, während okuduğumu biliyor „er/sie weiß, dass ich gelesen habe“ oder in passendem Zusammenhang „er/sie kennt das, was ich gelesen habe“ bedeuten kann.
Bei mehreren möglichen Bezügen helfen drei Prüfungen:
- Suche das letzte Nomen. Es ist meist der Kopf der größten Gruppe.
- Ordne jedem Partizip sein Subjekt zu. Bei -(y)An ist oft das folgende Bezugswort selbst der Handelnde; bei -DIK zeigt das Personalsuffix den Handelnden.
- Prüfe die Kasusendungen. Sie zeigen, welche Aufgabe eine fertige innere Gruppe in der nächstgrößeren Gruppe übernimmt.
Mit olan lassen sich auch Nominal- oder Ortsangaben als Relativgruppen ausdrücken und Grenzen sichtbarer machen: masada olan dosya „die Akte, die auf dem Tisch liegt“. Bei einem einfachen Satz ist oft masadaki dosya kürzer und natürlicher. olan ist daher kein allgemeiner Ersatz für alle Relativformen, sondern ein Werkzeug für bestimmte Prädikate, Hervorhebung und bessere Lesbarkeit.
Übungstipps
- Baue Sätze in zwei Schritten aus. Beginne mit okuduğum kitap. Verwende die fertige Gruppe danach in Okuduğum kitabı Ali yazdı und schließlich in Okuduğum kitabı yazan adam. Markiere dabei jedes Bezugswort.
- Lerne „sobald“ als Wortpaar. Notiere zu neuen Verben gleich die vollständige Verbindung: görür görmez, çıkar çıkmaz, başlar başlamaz. So vermeidest du, die oft unvorhersehbare bejahte Aoristform neu erraten zu müssen.
- Vergleiche -mIş und -(y)An mit Bildern. Beschreibe etwa ein Kind beim Einschlafen, ein bereits eingeschlafenes Kind und ein gerade schlafendes Kind. Entscheide bewusst zwischen uyuyan und uyumuş, statt beide automatisch gleich zu übersetzen.
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