B1

Modale Ausdrücke im Ungarischen

Modális Kifejezések

Dieser Artikel ist Teil des Ungarisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Mit kell, szabad, lehet, tilos und érdemes drückt man im Ungarischen Pflicht, Erlaubnis, Möglichkeit, Verbot und eine Empfehlung aus. Meist steht dazu ein Infinitiv (die Grundform des Verbs mit -ni): El kell mennem „Ich muss gehen“, Nem szabad bemenni „Man darf nicht hineingehen“. Ist eine bestimmte Person gemeint, erhält der Infinitiv häufig eine Personalendung.

Überblick

Die ungarischen Ausdrücke kell „müssen/nötig sein“, szabad „dürfen/erlaubt sein“, lehet „möglich sein/dürfen“, tilos „verboten sein“ und érdemes „sich lohnen/empfehlenswert sein“ erfüllen eine ähnliche Aufgabe wie deutsche Modalverben. Grammatisch funktionieren sie jedoch anders. Im Deutschen wird das Modalverb an die Person angepasst: „ich muss“, „du musst“. Im Ungarischen bleibt kell in der Gegenwart unverändert; die handelnde Person zeigt sich gegebenenfalls am Infinitiv: mennem kell „ich muss gehen“, menned kell „du musst gehen“.

Das Thema gehört zum B1-Niveau, weil dabei mehrere bereits bekannte Bausteine zusammenkommen: Infinitive, Personalendungen, Verneinung und die bewegliche ungarische Wortstellung. Die Konstruktionen sind im Alltag außerordentlich häufig — bei Regeln, Bitten um Erlaubnis, Terminabsprachen, Ratschlägen und Vermutungen.

Für deutschsprachige Lernende ist besonders wichtig, nicht Wort für Wort zu übersetzen. Das deutsche „können“ kann je nach Bedeutung tud (Fähigkeit) oder lehet (Möglichkeit beziehungsweise Erlaubnis) entsprechen. Ebenso sind „nicht müssen“ und „nicht dürfen“ im Ungarischen genauso klar zu trennen wie im Deutschen, werden aber mit unterschiedlichen unpersönlichen Ausdrücken gebildet.

So funktioniert es

Die fünf Kernausdrücke

Ausdruck Kernbedeutung Typisches Muster Beispiel
kell Pflicht, Notwendigkeit Infinitiv + kell Dolgoznom kell. „Ich muss arbeiten.“
szabad Erlaubnis szabad + Infinitiv Szabad bejönni? „Darf man hereinkommen?“
lehet Möglichkeit; je nach Zusammenhang Erlaubnis lehet + Infinitiv oder lehet, hogy + Satz Lehet itt fizetni. „Man kann hier bezahlen.“
tilos ausdrückliches Verbot tilos + Infinitiv Tilos parkolni. „Parken verboten.“
érdemes Empfehlung, lohnende Handlung érdemes + Infinitiv Érdemes várni. „Es lohnt sich zu warten.“

Diese Wörter beschreiben nicht unmittelbar, wer handelt. Soll die Person genannt werden, verwendet das Ungarische oft einen persönlichen Infinitiv: einen Infinitiv, dessen Endung die handelnde Person kennzeichnet. Ein Dativpronomen (eine Form wie „mir“ oder „dir“) kann zusätzlich stehen, ist aber oft entbehrlich.

  • Mennem kell. — Ich muss gehen.
  • Nekem mennem kell.Ich muss gehen / Für mich besteht die Pflicht zu gehen.
  • Neked menned kell.Du musst gehen.

Nekem und neked setzen meist einen Kontrast oder beseitigen Unklarheit. Die Endungen in mennem und menned reichen normalerweise aus.

Der persönliche Infinitiv

Die Endungen richten sich nach der ungarischen Vokalharmonie, also danach, welche Vokale im Wort vorkommen. Am gut erkennbaren Verb menni „gehen“ sieht das vollständige Muster so aus:

Person Form Deutsche Entsprechung mit kell
ich mennem Mennem kell. — Ich muss gehen.
du menned Menned kell. — Du musst gehen.
er/sie mennie Mennie kell. — Er/Sie muss gehen.
wir mennünk Mennünk kell. — Wir müssen gehen.
ihr/Sie mennetek Mennetek kell. — Ihr müsst/Sie müssen gehen.
sie menniük Menniük kell. — Sie müssen gehen.

Bei anderen Verben erscheinen dieselben Endungsreihen in einer zur Vokalharmonie passenden Form:

Person olvasni „lesen“ fizetni „bezahlen“
ich olvasnom fizetnem
du olvasnod fizetned
er/sie olvasnia fizetnie
wir olvasnunk fizetnünk
ihr/Sie olvasnotok fizetnetek
sie olvasniuk fizetniük

Man lernt diese Formen am besten als Bestandteil einer ganzen Aussage, nicht als isolierte Tabelle: El kell olvasnom „Ich muss es lesen“, Fizetned kell „Du musst bezahlen“. Bei manchen Verben verändert sich der Stamm, wie menni → mennem. Solche Formen sollten zusammen mit dem Grundverb eingeprägt werden.

Allgemeine Aussage oder bestimmte Person?

Ein unveränderter Infinitiv bezeichnet häufig eine allgemeine Regel oder eine Handlung, deren Ausführender unwichtig ist:

  • Korán kell kelni. — Man muss früh aufstehen.
  • Itt lehet várni. — Hier kann man warten.
  • Tilos fényképezni. — Fotografieren ist verboten.
  • Érdemes előre foglalni. — Es empfiehlt sich, im Voraus zu reservieren.

Geht es dagegen eindeutig um eine bestimmte Person, ist der persönliche Infinitiv besonders bei kell üblich:

  • Korán kell kelnem. — Ich muss früh aufstehen.
  • Holnap kell indulnunk. — Wir müssen morgen aufbrechen.
  • Péternek ma kell dolgoznia. — Péter muss heute arbeiten.

Der Handelnde kann als Nomen oder Pronomen im Dativ stehen: Péternek, nekem, neked. Wörtlich ähnelt die Konstruktion „für Péter ist Arbeiten nötig“, natürliches Deutsch verwendet aber „Péter muss arbeiten“.

Auch mit szabad, lehet und érdemes sind persönliche Infinitive möglich, wenn die Person hervorgehoben werden soll: Szabad kérdeznem? „Darf ich fragen?“, Érdemes elmennem? „Lohnt es sich für mich hinzugehen?“ Allgemeine Formen bleiben daneben sehr häufig.

Verbalpräfixe und Wortstellung

Viele ungarische Verben haben ein Verbalpräfix (einen kurzen Bestandteil wie el-, be- oder meg-, der die Richtung oder das Ergebnis verändert). In neutralen bejahten Modalkonstruktionen steht der Modalausdruck oft zwischen Präfix und Infinitiv:

  • elmenni „weggehen“ → El kell mennem. „Ich muss gehen.“
  • bejönni „hereinkommen“ → Be szabad jönni. „Man darf hereinkommen.“
  • megpróbálni „versuchen“ → Meg lehet próbálni. „Man kann es versuchen.“

Bei Verneinung bleibt das Präfix gewöhnlich beim Infinitiv:

  • Nem kell elmennem. — Ich muss nicht gehen.
  • Nem szabad bemenni. — Man darf nicht hineingehen.

Die Wortstellung kann außerdem die hervorgehobene Information ändern: Ma kell elmennem bedeutet „Ich muss heute gehen“. Für den Anfang lohnt es sich, die neutralen Muster als feste Einheiten zu üben.

Lehet, hogy mit einem vollständigen Satz

Lehet verbindet sich nicht nur mit einem Infinitiv. Das Muster lehet, hogy + Satz bedeutet „es kann sein, dass …“ oder wird im Deutschen oft mit „vielleicht“ beziehungsweise „möglicherweise“ wiedergegeben:

  • Lehet, hogy esik. — Vielleicht regnet es / Es kann sein, dass es regnet.
  • Lehet, hogy Anna már otthon van. — Vielleicht ist Anna schon zu Hause.

Vor hogy steht ein Komma. Nach hogy folgt ein vollständiger Satz mit einer gebeugten Verbform, nicht bloß ein Infinitiv.

Beispiele im Zusammenhang

Ungarisch Deutsch Hinweis
Mennem kell. Ich muss gehen. Bestimmte Person: persönlicher Infinitiv.
Holnap korán kell kelnünk. Morgen müssen wir früh aufstehen. -nünk bezeichnet „wir“.
Péternek ma kell dolgoznia. Péter muss heute arbeiten. Der Handelnde steht im Dativ.
Nem kell sietned. Du musst dich nicht beeilen. Keine Notwendigkeit, kein Verbot.
Szabad kérdeznem? Darf ich fragen? Höfliche Bitte um Erlaubnis.
Itt nem szabad dohányozni. Hier darf man nicht rauchen. Allgemeines Verbot.
Lehet itt kártyával fizetni? Kann man hier mit Karte bezahlen? Frage nach einer Möglichkeit.
Meg lehet próbálni. Man kann es versuchen. meg- steht vor lehet.
Lehet, hogy késik a vonat. Vielleicht hat der Zug Verspätung. Vermutung mit hogy-Satz.
Tilos az ajtó elé parkolni. Es ist verboten, vor der Tür zu parken. Deutliches, regelhaftes Verbot.
Érdemes előre jegyet venni. Es lohnt sich, die Fahrkarte im Voraus zu kaufen. Allgemeine Empfehlung.
Nem érdemes ezen vitatkozni. Es lohnt sich nicht, darüber zu streiten. Verneinte Empfehlung.
El kell olvasnom ezt az e-mailt. Ich muss diese E-Mail lesen. el- wird von kell getrennt.
Szabadna kérdeznem valamit? Dürfte ich etwas fragen? Zurückhaltender und höflicher.

Typische Fehler

Nem kell mit „nicht dürfen“ verwechseln

  • Falsch: Nem kell bemenned. — wenn gemeint ist: „Du darfst nicht hineingehen.“
  • Richtig: Nem szabad bemenned. oder Tilos bemenned.
  • Warum: Nem kell bedeutet „nicht müssen“: Die Handlung ist nicht nötig, aber möglich. Nem szabad und tilos drücken ein Verbot aus. Genau dieser Unterschied besteht auch zwischen deutschem „nicht müssen“ und „nicht dürfen“.

Für jede Bedeutung von „können“ lehet verwenden

  • Falsch: Lehet úszni. — wenn gemeint ist: „Ich kann schwimmen“, weil ich es gelernt habe.
  • Richtig: Tudok úszni.
  • Warum: tud bezeichnet eine Fähigkeit oder erlerntes Können. Lehet úszni heißt je nach Zusammenhang „Man kann/darf schwimmen“: Die Umstände oder Regeln erlauben es.

Die deutsche Personenbeugung auf kell übertragen

  • Falsch: eine erfundene persönliche Form von kell bilden.
  • Richtig: Mennem kell, menned kell, mennie kell.
  • Warum: In der Gegenwart verändert sich kell nicht nach der Person. Die Person steht am Infinitiv und kann zusätzlich durch nekem, neked und ähnliche Dativformen ausgedrückt werden.

Bei einer bestimmten Person immer den einfachen Infinitiv benutzen

  • Unpassend: Én menni kell.
  • Richtig: Mennem kell. oder mit Kontrast Nekem kell mennem.
  • Warum: Ein deutsches Subjekt wie „ich“ wird nicht einfach vor kell + Infinitiv gesetzt. Der persönliche Infinitiv oder eine Dativform zeigt, für wen die Notwendigkeit gilt.

Das Verbalpräfix falsch abtrennen

  • Falsch: Nem kell el mennem.
  • Richtig: Nem kell elmennem.
  • Warum: In der neutralen bejahten Konstruktion trennt kell häufig das Präfix vom Verb: El kell mennem. Unter Verneinung steht das Präfix dagegen wieder direkt am Infinitiv und wird mit ihm zusammengeschrieben.

Das Komma vor hogy vergessen

  • Falsch: Lehet hogy holnap esik.
  • Richtig: Lehet, hogy holnap esik.
  • Warum: hogy leitet einen Nebensatz ein; davor wird im Ungarischen ein Komma gesetzt.

Hinweise zum Gebrauch

Szabad und lehet können sich bei Erlaubnissen überschneiden, setzen aber unterschiedliche Akzente. Szabad itt parkolni? fragt ausdrücklich, ob das Parken erlaubt ist. Lehet itt parkolni? kann sowohl „Ist es erlaubt?“ als auch „Ist es hier möglich?“ bedeuten. Wenn Regeln und Genehmigungen im Mittelpunkt stehen, ist szabad meist eindeutiger.

Tilos wirkt stärker und amtlicher als nem szabad. Man begegnet ihm häufig auf Schildern, in Hausordnungen und Sicherheitsanweisungen: Belépni tilos! „Betreten verboten!“ Im Gespräch klingt Itt nem szabad bemenni oft natürlicher als die knappe Schildsprache. Auch die Nominalkonstruktion A belépés tilos ist verbreitet; belépés ist dabei ein Substantiv, also „das Betreten“.

Érdemes gibt keinen Befehl, sondern bewertet eine Handlung als sinnvoll oder lohnend. Érdemes orvoshoz menni kann je nach Lage „Es wäre sinnvoll, zum Arzt zu gehen“ heißen. Die Verneinung nem érdemes bedeutet „es lohnt sich nicht“ oder „es hat keinen Sinn“ und ist schwächer als ein Verbot.

In Anweisungen kann der Handelnde bewusst unausgesprochen bleiben: Ki kell tölteni az űrlapot „Das Formular muss ausgefüllt werden“. Dieses unpersönliche Muster ist in Formularen und Gebrauchsanweisungen üblich. Im persönlichen Gespräch klingt dagegen Ki kell töltened az űrlapot „Du musst das Formular ausfüllen“ direkter.

Über B1 hinaus: feinere Formen und Bedeutungen

Für Gegenwart und Zukunft besitzt kell keine normale Personenbeugung. Zeit und Haltung lassen sich dennoch ausdrücken. Kellett bezeichnet eine Notwendigkeit in der Vergangenheit: Tegnap sokáig kellett dolgoznom „Gestern musste ich lange arbeiten“. Eine zukünftige Pflicht kann durch ein Zeitwort oder majd klar werden: Holnap majd fel kell hívnom Annát „Morgen muss ich Anna anrufen“.

Die Bedingungsformen kellene, lehetne und szabadna mildern eine Aussage oder stellen sie als hypothetisch dar:

  • Többet kellene pihenned. — Du solltest dich mehr ausruhen.
  • Lehetne egy kérdésem? — Könnte ich eine Frage stellen? / Ich hätte eine Frage.
  • Szabadna kérdeznem valamit? — Dürfte ich etwas fragen?

Kellene entspricht daher nicht immer dem starken deutschen „müssen“, sondern oft einem Rat mit „sollten“. Der Ton hängt vom Zusammenhang ab.

Neben dem persönlichen Infinitiv gibt es eine Konstruktion mit hogy und einer Aufforderungsform des Verbs: El kell mennem und El kell, hogy menjek können beide „Ich muss gehen“ ausdrücken. Die zweite Bauart begegnet einem häufig in gesprochener Sprache und kann regional oder stilistisch unterschiedlich bevorzugt werden. Für eine sichere aktive Verwendung auf B1 ist das kompakte Muster mit persönlichem Infinitiv zunächst die beste Grundlage.

Auch die Wortstellung trägt Bedeutung. Vergleiche:

  • Ma kell elmennem.Heute muss ich gehen (nicht morgen).
  • Nekem kell elmennem.Ich muss gehen (nicht jemand anders).
  • El kell mennem. — neutrale Feststellung der Pflicht.

Das fett hervorgehobene Satzglied steht jeweils im Fokus, also an der Stelle mit dem stärksten Gegensatz. Damit verbindet sich das Thema später mit der ungarischen Fokuswortstellung.

Übungstipps

  1. Bilde Dreiergruppen. Nimm eine Handlung und formuliere Pflicht, fehlende Pflicht und Verbot: El kell mennemNem kell elmennemNem szabad elmennem. So wird der entscheidende Bedeutungsunterschied automatisch mitgelernt.
  2. Übe persönliche Infinitive in ganzen Sätzen. Wechsle täglich bei drei Verben durch die Personen: olvasnom kell, olvasnod kell, olvasnia kell …. Sprich die Formen laut, damit die Vokalharmonie vertraut wird.
  3. Sortiere deutsches „können“ nach Bedeutung. Frage bei jedem Beispielsatz: Geht es um eine Fähigkeit (tud) oder um Möglichkeit beziehungsweise Erlaubnis (lehet)? Notiere zusätzlich, ob szabad bei einer ausdrücklichen Erlaubnis genauer wäre.

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