Passiversatzformen im Deutschen
Passiversatzformen
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Statt eines Passivs mit werden kann man im Deutschen oft man, sich lassen + Infinitiv, sein + zu + Infinitiv oder ein Adjektiv auf -bar beziehungsweise -lich verwenden. Die Formen sind jedoch nicht völlig austauschbar: man rückt eine unbestimmte handelnde Person in den Vordergrund, die anderen Formen drücken meist Möglichkeit, Eignung oder Notwendigkeit aus.
Überblick
Passiversatzformen geben einen Sachverhalt wieder, ohne das gewöhnliche Vorgangspassiv mit werden zu bilden. Zum Vergleich: Im Passivsatz Der Antrag wird geprüft ist der Antrag das Subjekt (der Satzteil, über den etwas ausgesagt wird), obwohl er die Handlung nicht ausführt. Wer prüft, bleibt ungenannt. Dieselbe Situation kann aktiv mit man formuliert werden: Man prüft den Antrag.
Auf C1-Niveau geht es nicht nur darum, diese Formen zu erkennen. Entscheidend ist die Wahl der passenden Perspektive. Der Antrag lässt sich online ausfüllen beschreibt eine Möglichkeit oder praktische Eigenschaft. Der Antrag ist bis Freitag auszufüllen kann dagegen eine Verpflichtung ausdrücken. Der Antrag ist digital bearbeitbar bewertet seine Eignung für eine bestimmte Bearbeitungsweise. Ein bloßer Austausch kann daher die Aussage verändern.
Passiversatzformen sind in Alltagssprache, Anleitungen, wissenschaftlichen Texten, Verwaltungssprache und journalistischen Texten häufig. Sie vermeiden Wiederholungen von werden, ermöglichen knappe Formulierungen und setzen andere Schwerpunkte als das Passiv.
So funktionieren die Formen
1. Aktivsatz mit man
Das Indefinitpronomen man bezeichnet eine oder mehrere nicht näher bestimmte Personen. Es ist grammatisch das Subjekt und steht immer mit einem Verb in der dritten Person Singular: man sagt, man hat entschieden, man wird prüfen.
| Muster | Beispiel | Perspektive |
|---|---|---|
| man + Verb in der 3. Person Singular + Akkusativobjekt | Man repariert die Brücke. | Unbestimmte Personen führen die Handlung aus. |
| Passiv: Subjekt + werden + Partizip II | Die Brücke wird repariert. | Die Brücke und der Vorgang stehen im Mittelpunkt. |
Das Akkusativobjekt (die Person oder Sache, auf die sich die Handlung direkt richtet) des Aktivsatzes wird im entsprechenden Passivsatz zum Subjekt: Man kontrolliert die Fahrkarten → Die Fahrkarten werden kontrolliert. Ein im Aktivsatz vorhandenes Dativobjekt (meist die Person, der etwas gegeben, gesagt oder geholfen wird) bleibt dagegen Dativ: Man hilft den Betroffenen → Den Betroffenen wird geholfen.
Man eignet sich besonders für allgemeine Regeln, typische Gewohnheiten und Handlungen, deren Ausführende Menschen sind:
- In diesem Restaurant reserviert man besser vorher.
- Wie spricht man dieses Wort aus?
- Damals baute man Häuser anders.
Es ist kein echtes Passiv. Deshalb kann man nicht sinnvoll für Vorgänge stehen, bei denen gar keine menschliche oder als handelnd gedachte Instanz gemeint ist. Es regnet lässt sich beispielsweise nicht durch eine Konstruktion mit man ersetzen.
2. sich lassen + Infinitiv
Die Konstruktion sich lassen + Infinitiv drückt meistens aus, dass etwas möglich ist oder aufgrund seiner Eigenschaften getan werden kann:
Die Datei lässt sich öffnen. ≈ Die Datei kann geöffnet werden.
Der Infinitiv (die Grundform des Verbs) steht ohne zu am Satzende. Das betroffene Ding oder die betroffene Person ist das Subjekt; sich gehört fest zur Konstruktion.
| Zeitform | Muster | Beispiel |
|---|---|---|
| Präsens | Subjekt + lässt/lassen sich + Infinitiv | Der Fehler lässt sich beheben. |
| Präteritum | Subjekt + ließ/ließen sich + Infinitiv | Die Frage ließ sich schnell klären. |
| Perfekt | Subjekt + hat/haben sich + Infinitiv + lassen | Das Problem hat sich lösen lassen. |
Im Perfekt steht lassen als Ersatzinfinitiv: Obwohl ein Perfekt vorliegt, heißt es hat sich lösen lassen, nicht hat sich lösen gelassen. Dieser Bau ist korrekt, wirkt aber schwerer; häufig klingt das Präteritum ließ sich lösen klarer.
Die Konstruktion kann auch eine Aufforderung einleiten: Lass uns anfangen. Das ist jedoch eine andere Verwendung von lassen und keine Passiversatzform. Auch Er lässt sich die Haare schneiden gehört nicht hierher; dort veranlasst die Person, dass jemand ihr die Haare schneidet.
3. sein + zu + Infinitiv
sein + zu + Infinitiv verbindet eine passive Perspektive mit einer modalen Bedeutung. „Modal“ bedeutet hier: Der Satz enthält zusätzlich eine Aussage über Möglichkeit oder Notwendigkeit.
| Bedeutung | Beispiel | Nahe Umschreibung |
|---|---|---|
| Möglichkeit | Das Ergebnis ist deutlich zu erkennen. | Das Ergebnis kann deutlich erkannt werden. |
| Notwendigkeit/Pflicht | Die Frist ist einzuhalten. | Die Frist muss eingehalten werden. |
| Unmöglichkeit bei Verneinung | Der Unterschied ist nicht zu erkennen. | Der Unterschied kann nicht erkannt werden. |
Ob können oder müssen gemeint ist, ergibt sich oft erst aus Kontext und Wortwahl. Die Unterlagen sind bis Montag einzureichen bezeichnet wegen der Frist eine Pflicht. Die Berge sind von hier aus zu sehen bezeichnet eine Möglichkeit.
Bei trennbaren Verben steht zu innerhalb des Infinitivs: einzuhalten, anzuwenden, nachzuweisen. Bei nicht trennbaren Verben steht es davor: zu beachten, zu verstehen, zu überprüfen. In einem Nebensatz steht die Form am Ende: Die Behörde erklärt, dass die Frist einzuhalten ist.
Die feste Wendung Das ist nicht zu übersehen ist kontextabhängig. Meist bedeutet sie nicht nur „man darf es nicht übersehen“, sondern „es ist so auffällig, dass man es unmöglich übersehen kann“.
4. Adjektive auf -bar und -lich
Adjektive auf -bar drücken häufig aus, dass etwas getan werden kann: lösbar = „kann gelöst werden“, messbar = „kann gemessen werden“. Adjektive auf -lich können eine ähnliche passive oder bewertende Bedeutung haben: verständlich, verkäuflich, unvermeidlich.
| Bildung oder Form | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|
| Verbstamm + -bar | lösen → lösbar | kann gelöst werden |
| Verbstamm + -bar mit Anpassung | erreichen → erreichbar | kann erreicht werden |
| lexikalische Form auf -lich | verstehen → verständlich | kann verstanden werden; ist klar |
| verneinte Form mit un- | vermeidlich → unvermeidlich | kann nicht vermieden werden |
Diese Bildung ist nicht vollkommen frei. Nicht zu jedem Verb existiert ein gebräuchliches Adjektiv, und die Bedeutung muss gelernt werden. Erhältlich bedeutet gewöhnlich „verfügbar“ oder „zu kaufen“, nicht in jedem Zusammenhang einfach „kann erhalten werden“. Zudem kann ein Adjektiv eine Bewertung enthalten: lesbar kann technisch „zu entziffern“ heißen, aber auch ein Qualitätsurteil über einen Text ausdrücken.
Wie andere Adjektive können diese Formen prädikativ, also nach sein, ohne Endung stehen (Der Text ist verständlich) oder vor einem Nomen eine Adjektivendung erhalten (ein verständlicher Text, die lösbare Aufgabe).
Beispiele im Zusammenhang
| Beispielsatz | Bedeutung/Umschreibung | Hinweis |
|---|---|---|
| Man überprüft die Angaben vor der Veröffentlichung. | Die Angaben werden vor der Veröffentlichung überprüft. | man bezeichnet ungenannte handelnde Personen. |
| In Deutschland trennt man den Müll nach verschiedenen Kategorien. | Der Müll wird nach verschiedenen Kategorien getrennt. | Allgemeine Praxis. |
| So etwas sagt man nicht. | So etwas sollte nicht gesagt werden. | Allgemeine soziale Regel; zusätzlich wertend. |
| Das lässt sich machen. | Das kann gemacht werden. | Möglichkeit; oft eine zustimmende Reaktion. |
| Die Tür lässt sich nur von innen öffnen. | Die Tür kann nur von innen geöffnet werden. | Eigenschaft oder technische Möglichkeit. |
| Der Konflikt ließ sich nicht sofort lösen. | Der Konflikt konnte nicht sofort gelöst werden. | Vergangenheit und verneinte Möglichkeit. |
| Die Daten haben sich problemlos übertragen lassen. | Die Daten konnten problemlos übertragen werden. | Perfekt mit Ersatzinfinitiv. |
| Die Sicherheitsvorschriften sind unbedingt zu beachten. | Die Sicherheitsvorschriften müssen unbedingt beachtet werden. | Nachdrückliche Pflicht. |
| Von der Terrasse aus ist das Meer zu sehen. | Von der Terrasse aus kann man das Meer sehen. | Wahrnehmungsmöglichkeit. |
| Das ist nicht zu übersehen. | Das ist so auffällig, dass es niemand übersehen kann. | Verneinte Möglichkeit, oft mit Nachdruck. |
| Das Problem ist lösbar, aber nicht in wenigen Minuten. | Das Problem kann gelöst werden. | Adjektiv auf -bar. |
| Die Handschrift ist kaum lesbar. | Die Handschrift kann nur mit Mühe gelesen werden. | kaum schränkt die Möglichkeit stark ein. |
| Die Entscheidung ist nachvollziehbar. | Die Gründe für die Entscheidung kann man verstehen. | Häufig auch positive Bewertung. |
| Weitere Informationen sind auf Anfrage erhältlich. | Weitere Informationen können auf Anfrage bezogen werden. | Feste lexikalische Bedeutung: verfügbar. |
Häufige Fehler
zu nach sich lassen verwenden
- Falsch: Die Datei lässt sich zu öffnen.
- Richtig: Die Datei lässt sich öffnen.
- Warum: Nach lassen steht der reine Infinitiv ohne zu.
Die Bedeutung von sein + zu immer mit können wiedergeben
- Falsch verstanden: Der Antrag ist bis morgen einzureichen = Der Antrag kann bis morgen eingereicht werden.
- Richtig verstanden: Der Antrag muss bis morgen eingereicht werden.
- Warum: Eine Frist, eine Vorschrift oder Wörter wie unbedingt weisen meist auf Notwendigkeit hin.
Bei trennbaren Verben zu an die falsche Stelle setzen
- Falsch: Die Regeln sind zu einhalten.
- Richtig: Die Regeln sind einzuhalten.
- Warum: Bei einem trennbaren Verb wie einhalten steht zu zwischen Vorsilbe und Verbstamm.
Im Perfekt gelassen bilden
- Falsch: Das Problem hat sich lösen gelassen.
- Richtig: Das Problem hat sich lösen lassen.
- Warum: Zusammen mit einem weiteren Infinitiv verwendet lassen im Perfekt den Ersatzinfinitiv lassen.
Jedes Verb mechanisch mit -bar verbinden
- Unpassend: Die Person ist helfbar.
- Natürlich: Der Person kann geholfen werden.
- Warum: Adjektive auf -bar sind produktiv, aber nicht jede theoretisch mögliche Bildung ist gebräuchlich. Im Zweifel sollte die Form in einem Wörterbuch geprüft werden.
man mit dem Dativobjekt verwechseln
- Falsch: Man werden die Gäste geholfen.
- Richtig aktiv: Man hilft den Gästen.
- Richtig passiv: Den Gästen wird geholfen.
- Warum: man verlangt ein Verb in der dritten Person Singular. Bei helfen steht die unterstützte Person im Dativ.
Hinweise zum Gebrauch
Mit man klingt eine Aussage oft direkt, allgemein und mündlich. In wissenschaftlichen Texten ist die Form keineswegs grundsätzlich falsch, doch je nach Fach und Textsorte werden unpersönlichere Varianten bevorzugt: Die Proben lassen sich eindeutig unterscheiden oder Die Proben sind eindeutig unterscheidbar. Wer ständig man verwendet, kann außerdem unklar lassen, ob Fachleute, die Bevölkerung oder die Verfassenden selbst gemeint sind.
Sich lassen ist im gesprochenen und geschriebenen Deutsch sehr gebräuchlich. Es betont häufig, wie gut oder schlecht etwas funktioniert: leicht, schwer, problemlos, nur mit Mühe. Dadurch klingt es oft konkreter und weniger amtlich als sein + zu.
Sein + zu + Infinitiv begegnet besonders häufig in Vorschriften, Aufgabenstellungen und sachlichen Texten: Folgende Punkte sind zu berücksichtigen. Als Anweisung wirkt es distanziert, weil die verantwortliche Person nicht genannt wird. In einem persönlichen Gespräch klingt Bitte berücksichtigen Sie folgende Punkte oft höflicher und eindeutiger.
Adjektive auf -bar und -lich sind besonders knapp. Häufen sie sich, kann der Stil jedoch technisch oder werblich wirken: flexibel einsetzbar, leicht transportierbar, vielseitig kombinierbar. Wo die handelnde Person oder der konkrete Vorgang wichtig ist, ist ein vollständiger Satz meist informativer.
Über die Grundlagen hinaus
Die Formen setzen unterschiedliche Schwerpunkte
Vier grammatisch mögliche Sätze sind nicht automatisch bedeutungsgleich:
- Man kann den Plan ändern. — Eine unbestimmte Person hat die Möglichkeit dazu.
- Der Plan kann geändert werden. — neutrales Modalpassiv; der Vorgang steht im Mittelpunkt.
- Der Plan lässt sich ändern. — der Plan ist so beschaffen oder die Lage ist so, dass eine Änderung möglich ist.
- Der Plan ist änderbar. — knappe Einordnung als Eigenschaft; je nach Zusammenhang technisch.
- Der Plan ist zu ändern. — meist: Eine Änderung ist erforderlich.
Besonders sich lassen legt häufig nahe, dass die Möglichkeit in den Umständen oder Eigenschaften der Sache begründet ist. Dieser Unterschied ist nicht in jedem Satz scharf, erklärt aber, warum Das Buch lässt sich gut lesen natürlicher ist als eine rein technische Aussage über Erlaubnis: Gemeint ist, dass das Buch angenehm oder leicht lesbar ist.
Handelnde Personen lassen sich nicht überall gleich ergänzen
Beim Vorgangspassiv kann die handelnde Person mit von genannt werden: Der Bericht wurde von einer Expertin geprüft. Bei man wäre das widersprüchlich, denn man ist bereits das unbestimmte Subjekt. Auch bei sich lassen und Adjektiven klingt eine Ergänzung mit von oft schwer oder unnatürlich. Wenn die handelnde Person wichtig ist, sollte man meist einen Aktivsatz oder ein echtes Passiv wählen.
Mehrdeutigkeit bewusst vermeiden
Die Aufgabe ist zu lösen kann je nach Situation „kann gelöst werden“ oder „muss gelöst werden“ bedeuten. Gute Texte geben deshalb Signale:
- Möglichkeit: Die Aufgabe ist mit diesem Verfahren problemlos zu lösen.
- Pflicht: Die Aufgabe ist bis zum Ende der Stunde zu lösen.
Auch Verneinung kann verschiedene Lesarten haben. Der Fehler ist nicht zu vermeiden bedeutet gewöhnlich „Der Fehler kann nicht vermieden werden“. Die Tür ist nicht zu öffnen kann je nach Kontext „lässt sich nicht öffnen“ oder als strenge Anweisung „darf nicht geöffnet werden“ verstanden werden. Wo Folgen wichtig sind, sind kann nicht, darf nicht und muss eindeutiger.
Passiversatz ist eine stilistische Wahl, kein Verbot des Passivs
Das Passiv ist weder grundsätzlich schlechter noch unverständlicher. Die Brücke wurde 1998 eröffnet ist präzise und natürlich, wenn der Vorgang und nicht die eröffnende Person zählt. Passiversatzformen erweitern die Ausdrucksmöglichkeiten; sie sollten nicht dazu dienen, jedes werden zwanghaft zu beseitigen.
Übungstipps
- Formuliere Vierergruppen. Nimm einen Passivsatz wie Die Aufgabe kann gelöst werden und bilde Varianten mit man, sich lassen und einem Adjektiv. Notiere anschließend, welche Variante neutral, verpflichtend oder wertend klingt.
- Markiere Bedeutungssignale. Suche in Anleitungen oder Nachrichten nach ist zu, sind zu und lässt sich. Unterstreiche Wörter wie bis morgen, unbedingt, leicht oder kaum, die Möglichkeit und Notwendigkeit unterscheiden.
- Lerne Adjektive als ganze Wörter. Sammle häufige Formen wie machbar, erreichbar, verständlich, erhältlich und unvermeidlich jeweils mit einem Beispielsatz. So vermeidest du ungebräuchliche Eigenbildungen.
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