Das Plusquamperfekt im Finnischen
Pluskvamperfekti
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Kurz gesagt
Das finnische Plusquamperfekt (pluskvamperfekti) bezeichnet etwas, das vor einem anderen Zeitpunkt in der Vergangenheit geschehen war. Es besteht aus der Vergangenheitsform von olla „sein“ und dem Partizip der Vergangenheit: olin syönyt „ich hatte gegessen“, he olivat lähteneet „sie waren gegangen“. Anders als im Deutschen wird als Hilfsverb immer olla verwendet.
Überblick
Mit dem Plusquamperfekt ordnet man zwei vergangene Situationen zeitlich ein. Eine davon bildet den Bezugspunkt; die andere war schon vorher geschehen oder hatte bereits begonnen. In Kun tulin kotiin, vieraat olivat lähteneet „Als ich nach Hause kam, waren die Gäste gegangen“ ist das Heimkommen der vergangene Bezugspunkt. Das Fortgehen der Gäste liegt noch weiter zurück.
Diese Zeitform wird ungefähr auf Niveau B1 wichtig, sobald man nicht mehr nur einzelne Ereignisse, sondern zusammenhängende Erzählungen, Begründungen und Erinnerungen ausdrücken möchte. Sie entspricht häufig dem deutschen Plusquamperfekt mit „hatte“ oder „war“. Die finnische Bildung ist sogar in einer Hinsicht einheitlicher: Ob ein deutsches Verb „haben“ oder „sein“ verlangt, spielt keine Rolle — im Finnischen steht immer eine Form von olla.
Voraussetzung ist das finnische Perfekt. Beide Zeitformen benutzen dasselbe Partizip der Vergangenheit. Ein Partizip ist eine vom Verb abgeleitete Form, die hier zusammen mit einem Hilfsverb die Zeitform bildet: puhunut „gesprochen“, tehnyt „gemacht“, lähtenyt „fortgegangen“. Der entscheidende Unterschied liegt im Hilfsverb: olen puhunut „ich habe gesprochen“, aber olin puhunut „ich hatte gesprochen“.
So funktioniert es
Das Grundmuster
Die bejahte Form besteht aus:
Vergangenheit von olla + Partizip der Vergangenheit
Das Partizip richtet sich nach der Zahl des Subjekts (der Person oder Sache, die handelt): Bei einem Subjekt im Singular steht gewöhnlich -nut/-nyt, bei einem Subjekt im Plural -neet. Es gibt keine Unterscheidung nach Geschlecht.
| Person | Hilfsverb | Partizip | Gesamtform | Deutsch |
|---|---|---|---|---|
| minä | olin | puhunut | olin puhunut | ich hatte gesprochen |
| sinä | olit | puhunut | olit puhunut | du hattest gesprochen |
| hän | oli | puhunut | oli puhunut | er/sie hatte gesprochen |
| me | olimme | puhuneet | olimme puhuneet | wir hatten gesprochen |
| te | olitte | puhuneet | olitte puhuneet | ihr/Sie hatten gesprochen |
| he | olivat | puhuneet | olivat puhuneet | sie hatten gesprochen |
Wie sonst im Finnischen können minä, sinä, me und te oft entfallen, weil die Form des Hilfsverbs die Person erkennen lässt: Olimme puhuneet asiasta bedeutet auch ohne me eindeutig „Wir hatten über die Sache gesprochen“. Bei hän und he bleibt das Personalpronomen in der Standardsprache normalerweise stehen.
Die Partizipformen
Für das Plusquamperfekt werden genau dieselben aktiven Partizipien der Vergangenheit gebraucht wie für das Perfekt. Die Vokalharmonie bestimmt, ob die Endung -nut oder -nyt lautet. Im Plural steht -neet. Je nach Verbtyp verändert sich dabei auch der Stamm.
| Grundform | Singular | Plural | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| puhua | puhunut | puhuneet | sprechen |
| syödä | syönyt | syöneet | essen |
| tulla | tullut | tulleet | kommen |
| tavata | tavannut | tavanneet | treffen |
| tarvita | tarvinnut | tarvinneet | brauchen |
| tehdä | tehnyt | tehneet | machen, tun |
| nähdä | nähnyt | nähneet | sehen |
| lähteä | lähtenyt | lähteneet | fortgehen, aufbrechen |
Es lohnt sich nicht, das Partizip für das Plusquamperfekt neu zu lernen. Besser ist es, jedes neue Verb gleich als Dreiergruppe zu notieren, zum Beispiel tehdä – tehnyt – tehneet.
Verneinung
Bei der Verneinung trägt das finnische Negationsverb die Person: en, et, ei, emme, ette, eivät. Danach steht auch olla in einer Partizipform: im Singular ollut, im Plural olleet. Das Partizip des eigentlichen Verbs stimmt ebenfalls in der Zahl überein.
| Person | Form mit puhua | Deutsch |
|---|---|---|
| minä | en ollut puhunut | ich hatte nicht gesprochen |
| sinä | et ollut puhunut | du hattest nicht gesprochen |
| hän | ei ollut puhunut | er/sie hatte nicht gesprochen |
| me | emme olleet puhuneet | wir hatten nicht gesprochen |
| te | ette olleet puhuneet | ihr/Sie hatten nicht gesprochen |
| he | eivät olleet puhuneet | sie hatten nicht gesprochen |
Die beiden Pluralstellen sind wichtig: emme olleet puhuneet, nicht emme ollut puhunut. Auch ei ollut ist keine unveränderliche Formel; bei einem Subjekt im Plural wird daraus eivät olleet.
Entscheidungsfragen und verneinte Fragen
Für eine Ja-Nein-Frage kommt die Fragepartikel -ko/-kö an die Form von olla. Das Hilfsverb steht am Satzanfang, sofern kein anderes Satzglied besonders hervorgehoben wird.
| Aussage | Frage | Deutsch |
|---|---|---|
| Olit lukenut kirjan. | Olitko lukenut kirjan? | Hattest du das Buch gelesen? |
| Hän oli jo lähtenyt. | Oliko hän jo lähtenyt? | War er/sie schon gegangen? |
| He olivat tavanneet. | Olivatko he tavanneet? | Hatten sie sich getroffen? |
Bei einer verneinten Frage hängt die Partikel am Negationsverb: Etkö ollut kuullut uutista? „Hattest du die Nachricht nicht gehört?“ und Eivätkö he olleet sopineet asiasta? „Hatten sie sich nicht darüber geeinigt?“
Die drei wichtigen Vergangenheitsformen im Vergleich
| Finnische Form | Zeitliche Sicht | Typische deutsche Entsprechung |
|---|---|---|
| Söin ennen kokousta. | abgeschlossenes Ereignis in der Vergangenheit | Ich aß vor der Besprechung. / Ich habe vorher gegessen. |
| Olen syönyt. | vergangenes Geschehen mit Bezug zur Gegenwart | Ich habe gegessen. |
| Olin syönyt ennen kokousta. | Geschehen vor einem vergangenen Bezugspunkt | Ich hatte vor der Besprechung gegessen. |
Das Plusquamperfekt braucht nicht immer einen zweiten Satz mit kun „als/wenn“. Der vergangene Bezugspunkt kann aus dem Zusammenhang hervorgehen: En ollut koskaan ennen käynyt Lapissa „Ich war vorher noch nie in Lappland gewesen.“ Das Wort ennen und die bereits erzählte Situation liefern hier die zeitliche Orientierung.
Beispiele im Zusammenhang
| Finnisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Olin jo syönyt, kun ystäväni soitti. | Ich hatte schon gegessen, als mein Freund/meine Freundin anrief. | Die Mahlzeit war vor dem Anruf beendet. |
| Hän ei ollut koskaan nähnyt merta. | Er/Sie hatte noch nie das Meer gesehen. | Eine Erfahrung fehlte bis zu einem vergangenen Zeitpunkt. |
| He olivat lähteneet, kun tulimme. | Sie waren gegangen, als wir ankamen. | Pluralsubjekt: olivat lähteneet. |
| Olitko lukenut kirjan ennen kurssia? | Hattest du das Buch vor dem Kurs gelesen? | Fragepartikel am Hilfsverb. |
| Kun avasin oven, joku oli sammuttanut valot. | Als ich die Tür öffnete, hatte jemand das Licht ausgeschaltet. | Das Ausschalten erklärt die spätere Situation. |
| Emme olleet varanneet pöytää, joten jouduimme odottamaan. | Wir hatten keinen Tisch reserviert, deshalb mussten wir warten. | Verneinte Pluralform. |
| Olin asunut Turussa kaksi vuotta ennen kuin muutin Helsinkiin. | Ich hatte zwei Jahre in Turku gewohnt, bevor ich nach Helsinki zog. | Eine längere Phase vor einem späteren Umzug. |
| Lapset olivat jo nukahtaneet, kun vanhemmat palasivat. | Die Kinder waren bereits eingeschlafen, als die Eltern zurückkehrten. | Das Ergebnis bestand beim Zurückkommen. |
| Etkö ollut kuullut muutoksesta? | Hattest du nichts von der Änderung gehört? | Verneinte Frage mit etkö. |
| Maria oli tehnyt ruoan valmiiksi ennen vieraiden saapumista. | Maria hatte das Essen vor der Ankunft der Gäste fertig gemacht. | tehdä bildet tehnyt. |
| Olimme tavanneet kerran aikaisemmin, mutta hän ei muistanut minua. | Wir hatten uns einmal zuvor getroffen, aber er/sie erinnerte sich nicht an mich. | Hintergrundinformation für die Erzählung. |
| Juna oli juuri lähtenyt, kun saavuimme asemalle. | Der Zug war gerade abgefahren, als wir am Bahnhof ankamen. | juuri bedeutet hier „gerade eben“. |
| He eivät olleet sopineet hinnasta etukäteen. | Sie hatten sich nicht im Voraus über den Preis geeinigt. | Negationsverb und beide folgenden Formen stehen im Plural. |
| Tiesin reitin, koska olin käynyt siellä monta kertaa. | Ich kannte den Weg, weil ich oft dort gewesen war. | Ein früheres Erlebnis begründet vergangenes Wissen. |
Häufige Fehler
1. Das Hilfsverb im Präsens lassen
- Falsch: Olen jo syönyt, kun hän soitti.
- Richtig: Olin jo syönyt, kun hän soitti.
- Warum: olen syönyt ist Perfekt und stellt meist einen Bezug zur Gegenwart her. Vor dem vergangenen Anruf braucht man hier olin syönyt.
2. Nach deutschem Vorbild zwischen „haben“ und „sein“ wählen
- Falsch: He olivat olleet lähteneet.
- Richtig: He olivat lähteneet.
- Warum: Auch bei Bewegungs- und Zustandsverben genügt im Finnischen eine Form von olla. Das deutsche „sie waren gegangen“ führt nicht zu einem zusätzlichen finnischen olleet.
3. Das Partizip im Plural nicht anpassen
- Falsch: Me olimme puhunut asiasta.
- Richtig: Me olimme puhuneet asiasta.
- Warum: Bei einem Subjekt im Plural steht das Partizip im Plural auf -neet. Das unterscheidet sich vom Deutschen, wo „gesprochen“ unverändert bleibt.
4. Die Verneinung wie eine bejahte Form bauen
- Falsch: He eivät olivat lähteneet.
- Richtig: He eivät olleet lähteneet.
- Warum: Nach dem Negationsverb steht nicht die finite Form olivat, sondern ollut/olleet: eivät olleet.
5. Plusquamperfekt und Konditional Perfekt verwechseln
- Falsch: Olisin tehnyt työn ennen kokousta, wenn gemeint ist: „Ich hatte die Arbeit vor der Besprechung erledigt.“
- Richtig: Olin tehnyt työn ennen kokousta.
- Warum: olin tehnyt bezeichnet eine wirkliche frühere Handlung. Olisin tehnyt bedeutet „ich hätte gemacht“ und beschreibt eine Bedingung, Möglichkeit oder nicht verwirklichte Handlung.
6. Den Objektfall unabhängig von der Verneinung beibehalten
- Falsch: En ollut lukenut kirjan.
- Richtig: En ollut lukenut kirjaa.
- Warum: Das Objekt (wer oder was von der Handlung betroffen ist) steht bei einer verneinten Handlung gewöhnlich im Partitiv. In der bejahten, abgeschlossenen Aussage ist Olin lukenut kirjan möglich. Das ist eine allgemeine finnische Objektregel, keine Besonderheit des Plusquamperfekts.
Hinweise zum Gebrauch
Das Plusquamperfekt ist besonders häufig in Erzählungen. Es liefert Hintergrund, erklärt eine vergangene Folge oder blickt von einem Punkt der Geschichte zurück: Katu oli märkä, koska yöllä oli satanut „Die Straße war nass, weil es in der Nacht geregnet hatte.“ Sobald dieser zeitliche Hintergrund feststeht, kann die Erzählung wieder im Imperfekt weitergehen. Man muss also nicht jeden folgenden Satz im Plusquamperfekt formulieren.
Typische Begleiter sind jo „schon“, vielä „noch“, koskaan „jemals/nie“, aikaisemmin „früher“, ennen „vorher“, siihen mennessä „bis dahin“ und juuri „gerade“. Sie machen die zeitliche Beziehung deutlich, sind aber grammatisch nicht zwingend.
Bei kun-Sätzen entscheidet die zeitliche Bedeutung über die Zeitform. Zwei nacheinander erzählte Ereignisse können beide im Imperfekt stehen: Kun tulin kotiin, söin „Als ich nach Hause kam, aß ich.“ War das Essen schon vorher abgeschlossen, heißt es dagegen Kun tulin kotiin, olin jo syönyt. Finnisch setzt zwischen Haupt- und Nebensatz gewöhnlich ein Komma: He olivat lähteneet, kun tulimme. Das ist für Deutschsprachige auffällig, weil vor einem nachgestellten deutschen „als“-Satz zwar ebenfalls ein Komma steht, die finnische Zeichensetzung aber konsequent am Nebensatz ausgerichtet ist.
In der gesprochenen Sprache können Personalpronomen und einzelne Laute reduziert werden, doch das Grundsystem bleibt erkennbar. Zum sicheren aktiven Gebrauch empfiehlt sich zunächst die standardsprachliche Form olin/olit/oli ... puhunut beziehungsweise olimme/olitte/olivat ... puhuneet.
Über die Grundlagen hinaus
Ein Zustand kann bis zum Bezugspunkt andauern
Das Plusquamperfekt bezeichnet nicht nur punktuell abgeschlossene Handlungen. Mit einer Zeitangabe kann es auch ausdrücken, wie lange ein Zustand oder eine Tätigkeit bis zu einem vergangenen Moment gedauert hatte:
Olin asunut Suomessa viisi vuotta, kun aloitin uuden työn. — „Ich hatte fünf Jahre in Finnland gelebt, als ich die neue Stelle antrat.“
Ob das Wohnen danach weiterging, sagt der Satz allein nicht eindeutig. Er legt nur die fünfjährige Vorgeschichte bis zum Arbeitsbeginn fest. Der weitere Zusammenhang klärt, ob die Situation endete oder fortbestand.
Passivisches Plusquamperfekt
Auch die unpersönliche finnische Passivform kann im Plusquamperfekt stehen. Das Hilfsverb erscheint dabei in der dritten Person Singular, das Hauptverb als passives Partizip der Vergangenheit:
- Talo oli rakennettu vuonna 1950. — Das Haus war 1950 gebaut worden.
- Asiasta ei ollut vielä päätetty. — Über die Sache war noch nicht entschieden worden.
- Kaikki liput oli myyty ennen konserttia. — Alle Karten waren vor dem Konzert verkauft worden.
Das ist besonders in Nachrichten, Berichten und sachlicher Schriftsprache nützlich. Die Form oli myyty bleibt unpersönlich, auch wenn die deutsche Übersetzung ein pluralisches Subjekt enthält.
Zeitliche Beziehungen statt starrer Zeitenfolge
Finnisch wählt die Zeitform vor allem nach der gemeinten zeitlichen Beziehung. Eine deutsche Übersetzung ist daher eine gute Orientierung, aber kein automatisches Rezept. In indirekten Berichten kann ein finnischer että-Satz zum Beispiel eine Form beibehalten, wenn der Inhalt weiterhin gilt. Das Plusquamperfekt wird dann verwendet, wenn die Vorzeitigkeit ausdrücklich wichtig ist, nicht bloß weil im übergeordneten Satz ein Vergangenheitsverb steht.
Ein nützlicher Test lautet: „Gab es in der Vergangenheit einen Punkt, vor dem diese Handlung schon geschehen war?“ Wenn ja, passt das Plusquamperfekt meist. Wenn nur ein vergangenes Ereignis erzählt wird, genügt häufig das Imperfekt.
Tipps zum Üben
- Baue Zeitpaare. Schreibe zuerst zwei Sätze im Imperfekt, etwa Juna lähti. Saavuimme asemalle. Ordne dann die Ereignisse: Juna oli lähtenyt, kun saavuimme asemalle. So übst du Bedeutung und Form gemeinsam.
- Lerne bejahte und verneinte Formen als Paar. Sage für jede Person olin puhunut – en ollut puhunut und im Plural olimme puhuneet – emme olleet puhuneet. Achte besonders auf die doppelte Pluralmarkierung in der Verneinung.
- Markiere beim Lesen die Zeitebenen. Unterstreiche den vergangenen Bezugspunkt einmal und das noch frühere Ereignis zweimal. Wörter wie jo, ennen, aikaisemmin und siihen mennessä helfen beim Erkennen.
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