Der Jussiv im Arabischen
المضارع المجزوم
Dieser Artikel ist Teil des Arabisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Der Jussiv (arabisch المضارع المجزوم) ist eine Form des arabischen Präsensstamms. Er steht vor allem nach لم „nicht in der Vergangenheit“, nach dem verbietenden لا „tu nicht!“ und nach bestimmten Bedingungswörtern. Bei regelmäßigen Verben endet er auf Sukūn, bei anderen Formen wird ein ن oder ein schwacher Endbuchstabe entfernt: يكتبُ → لم يكتبْ, تكتبونَ → لم تكتبوا, يسعى → لم يسعَ.
Überblick
Der Jussiv ist ein Modus (eine Verbform, die zeigt, wie eine Aussage gemeint oder grammatisch eingebunden ist). Im Arabischen betrifft er nur das imperfektive Verb, also die Form, die meist Gegenwart, Verlauf oder Zukunft ausdrückt. Arabische Grammatiken nennen sie الفعل المضارع. Der Ausdruck مجزوم bezeichnet ihre Stellung im Jussiv.
Für deutschsprachige Lernende ist zunächst ungewohnt, dass eine kleine Partikel nicht nur die Bedeutung, sondern auch das Ende des folgenden Verbs verändert. Im Deutschen sagt man etwa „Er ging nicht“ oder „Geh nicht!“, ohne dafür einen eigenen Jussiv zu bilden. Im Hocharabischen gehören dagegen لم يذهبْ „er ging nicht“ und لا تذهبْ „geh nicht!“ zu demselben Formensystem.
Der Kernstoff gehört ungefähr zum Niveau B1. Er ist wichtig für verneinte Aussagen über die Vergangenheit, Verbote, Aufforderungen und reale Bedingungen. In unvokalisierten Texten sieht man die Änderung bei manchen Verben kaum; bei schwachen Verben und den sogenannten fünf Verbformen ist sie dagegen auch in der normalen Schrift deutlich.
Wie es funktioniert
1. Die wichtigsten Auslöser
Ein Verb steht nicht von selbst im Jussiv. Normalerweise geht ihm ein Wort voraus, das den Jussiv regiert (also grammatisch verlangt).
| Auslöser | Funktion | Muster | Beispiel |
|---|---|---|---|
| لم | verneinte Vergangenheit | لم + Jussiv | لم أفهمْ „Ich verstand nicht.“ |
| لمّا | „noch nicht“ | لمّا + Jussiv | لمّا يصلْ بعدُ „Er ist noch nicht angekommen.“ |
| لا الناهية | Verbot, „tu nicht“ | لا + Jussiv | لا تفعلْ ذلك „Tu das nicht.“ |
| لام الأمر | Aufforderung, „soll … / lasst uns …“ | لِـ + Jussiv | لِنبدأْ „Lasst uns anfangen.“ |
| إنْ und ähnliche Bedingungswörter | mögliche Bedingung und ihre Folge | Partikel + Jussiv + Jussiv | إن تدرسْ تنجحْ „Wenn du lernst, hast du Erfolg.“ |
لم steht mit einer äußerlich „präsensartigen“ Verbform, verlegt die Aussage aber in die Vergangenheit. لم يذهبْ bedeutet deshalb nicht „er geht nicht“, sondern „er ging nicht / er ist nicht gegangen“. Für eine einfache Verneinung der Gegenwart steht häufig لا يذهبُ „er geht nicht“; dieses لا ist nicht das verbietende لا.
لمّا mit Jussiv bedeutet „noch nicht“ und lässt meist erwarten, dass das Ereignis später eintritt: لمّا ينتهِ الدرسُ „Der Unterricht ist noch nicht zu Ende“. Es ist von anderen Verwendungen von لمّا wie „als“ zu unterscheiden; der Satzbau zeigt, welche Bedeutung gemeint ist.
2. Regelmäßige Verben: Sukūn statt ḍamma
Bei einem Verb mit gesundem Endkonsonanten trägt die gewöhnliche Form im vollständig vokalisierten Hocharabisch meist eine ḍamma (den kurzen u-Laut) am Ende. Im Jussiv fällt dieser Vokal weg; der letzte Konsonant erhält Sukūn (das Zeichen für „kein Vokal“).
| Person und Verb | Gewöhnliche Form | Jussiv | Änderung |
|---|---|---|---|
| هو يكتبُ | „er schreibt“ | لم يكتبْ | ـُ → ـْ |
| أنا أفهمُ | „ich verstehe“ | لم أفهمْ | ـُ → ـْ |
| أنتَ تفتحُ | „du öffnest“ | لا تفتحْ | ـُ → ـْ |
| نحن نبدأُ | „wir beginnen“ | لِنبدأْ | ـُ → ـْ |
In einem Text ohne Vokalzeichen sehen يكتبُ und يكتبْ beide wie يكتب aus. Die Partikel لم oder لا الناهية verrät dann die grammatische Form. Beim lauten Lesen muss die Endung trotzdem stimmen, besonders in formellen Situationen oder beim Lesen eines vokalisierten Textes.
3. Die „fünf Verben“: Das ن fällt weg
Die traditionelle Bezeichnung الأفعال الخمسة („die fünf Verben“) meint Präsensformen mit den Endungen ـانِ, ـونَ und ـينَ. Es sind nicht fünf bestimmte Verben, sondern fünf Personmuster. Im Jussiv wird ihr End-ن gelöscht; dies heißt حذف النون.
| Personmuster | Gewöhnliche Form | Jussiv | Bedeutung des Beispiels |
|---|---|---|---|
| هما يفعلانِ | يفعلانِ | لم يفعلا | die beiden taten es nicht |
| أنتما تفعلانِ | تفعلانِ | لم تفعلا | ihr beide tatet es nicht |
| هم يفعلونَ | يفعلونَ | لم يفعلوا | sie taten es nicht |
| أنتم تفعلونَ | تفعلونَ | لا تفعلوا | tut es nicht |
| أنتِ تفعلينَ | تفعلينَ | لا تفعلي | tu es nicht (zu einer Frau) |
Nach dem وا der maskulinen Pluralform steht in der Schrift ein stummes ا: لم يكتبوا. Dieses Alif gehört zur Rechtschreibung und wird nicht gesprochen. Entscheidend ist, dass يكتبونَ sein ن verliert.
4. Schwache Verben: Der letzte Stammbuchstabe fällt weg
Ein schwaches Verb enthält einen der Buchstaben و oder ي, oder es endet auf ى. Steht dieser schwache Buchstabe am Wortende, wird er im Jussiv meist entfernt. Die verbleibende kurze Endvokalisation erinnert häufig an den gelöschten Laut.
| Gewöhnliche Form | Jussiv | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| يسعى | يسعَ | لم يسعَ | er bemühte sich nicht |
| يدعو | يدعُ | لم يدعُ | er rief/lud nicht ein |
| يرمي | يرمِ | لم يرمِ | er warf nicht |
| ينسى | ينسَ | لا تنسَ | vergiss nicht |
| يرى | يرَ | لم يرَ | er sah nicht |
Gerade hier hilft die deutsche Übersetzung nicht bei der Formbildung. Lerne deshalb die Paare zusammen: ينسى – لم ينسَ, يدعو – لم يدعُ, يرمي – لم يرمِ.
5. Jussiv und Subjunktiv auseinanderhalten
Der arabische Subjunktiv المضارع المنصوب ist ebenfalls eine abhängige Form des imperfektiven Verbs, hat aber andere Auslöser und teilweise andere Endungen.
| Form | Typische Auslöser | يكتب | يفعلون |
|---|---|---|---|
| Indikativ مرفوع | kein regierender Auslöser | يكتبُ | يفعلونَ |
| Subjunktiv منصوب | أن، لن، كي | يكتبَ | يفعلوا |
| Jussiv مجزوم | لم، لا الناهية، إنْ | يكتبْ | يفعلوا |
Bei يكتب hört man den Unterschied: ـُ, ـَ oder kein Endvokal. Bei den fünf Verben sehen Subjunktiv und Jussiv dagegen gleich aus, weil beide das ن entfernen. Dann entscheidet allein der Auslöser: لن يكتبوا „sie werden nicht schreiben“, aber لم يكتبوا „sie schrieben nicht“.
Beispiele im Kontext
| Arabisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| لم يذهبْ إلى العمل أمس. | Er ging gestern nicht zur Arbeit. | لم verneint die Vergangenheit. |
| لم أفهمْ السؤالَ. | Ich habe die Frage nicht verstanden. | Regelmäßiges Ende mit Sukūn. |
| لم تكتبْ الرسالةَ. | Sie schrieb den Brief nicht. | تكتبْ kann ohne Kontext auch „du (m.) schriebst nicht“ heißen. |
| لم نرَ هذا الفيلمَ. | Wir haben diesen Film nicht gesehen. | Von يرى; das schwache Ende fällt weg. |
| لمّا يصلْ القطارُ بعدُ. | Der Zug ist noch nicht angekommen. | لمّا … بعدُ betont „noch nicht“. |
| لا تفتحْ النافذةَ! | Öffne das Fenster nicht! | Verbot an eine männliche Person. |
| لا تنسَ الموعدَ. | Vergiss den Termin nicht. | Von ينسى; ى fällt weg. |
| لا تتأخروا عن الاجتماع. | Kommt nicht zu spät zur Besprechung. | Plural: تتأخرونَ → تتأخروا. |
| لِنبدأْ الآن. | Lasst uns jetzt anfangen. | Aufforderung mit لام الأمر. |
| لِيكتبْ كلُّ طالبٍ اسمَه. | Jeder Schüler soll seinen Namen schreiben. | Aufforderung in der dritten Person. |
| إن تدرسْ تنجحْ. | Wenn du lernst, wirst du Erfolg haben. | Bedingung und Folge stehen im Jussiv. |
| مَنْ يجتهدْ يجدْ فرصةً. | Wer sich anstrengt, findet eine Gelegenheit. | مَنْ bezieht sich hier auf Personen. |
| أينما تذهبْ أذهبْ معك. | Wohin du auch gehst, gehe ich mit dir. | أينما bezeichnet einen beliebigen Ort. |
| مهما تفعلْ أساعدْك. | Was du auch tust, ich helfe dir. | Zwei Jussivformen in einer Bedingung. |
| إن لم تفهمْ فاسألْ. | Wenn du es nicht verstehst, dann frag. | لم تفهمْ in der Bedingung; die Aufforderung folgt mit فـ. |
Häufige Fehler
Nach لم die Vergangenheitsform verwenden
- Falsch: لم ذهبَ إلى العمل.
- Richtig: لم يذهبْ إلى العمل.
- Warum: Obwohl die deutsche Bedeutung in der Vergangenheit liegt, verlangt لم das imperfektive Verb im Jussiv, nicht die arabische Perfektform ذهبَ.
Die Endung des Indikativs stehen lassen
- Falsch: لم يكتبُ.
- Richtig: لم يكتبْ.
- Warum: Nach لم fällt der letzte kurze Vokal weg. In unvokalisierter Schrift ist der Unterschied unsichtbar, beim Sprechen jedoch hörbar.
Das ن der fünf Verben behalten
- Falsch: لم يذهبونَ. / لا تكتبينَ.
- Richtig: لم يذهبوا. / لا تكتبي.
- Warum: Im Jussiv verlieren die Formen auf ـانِ، ـونَ، ـينَ ihr ن.
Schwache Verben wie regelmäßige behandeln
- Falsch: لا تنسى! / لم يرْ.
- Richtig: لا تنسَ! / لم يرَ.
- Warum: Bei einem schwachen Endbuchstaben genügt nicht einfach ein Sukūn. Der Endbuchstabe wird gelöscht: تنسى → تنسَ, يرى → يرَ.
Jedes لا für ein Verbot halten
- Falsch gemeint: لا تكتبْ كلَّ يوم für „Du schreibst nicht jeden Tag.“
- Richtig: لا تكتبُ كلَّ يوم.
- Warum: Das verneinende لا einer Aussage lässt den Indikativ stehen. Nur لا الناهية, das ein Verbot ausdrückt, verlangt den Jussiv: لا تكتبْ هنا! „Schreib hier nicht!“
Nach jedem Wort für „wenn“ einen Jussiv setzen
- Falsch als allgemeine Regel: „Nach إنْ, إذا und لو steht immer derselbe Jussiv.“
- Richtig: Lerne die Konstruktionen getrennt: إنْ und andere echte jussivregierende Bedingungswörter können zwei Jussive verlangen; إذا und لو folgen anderen Mustern.
- Warum: Die deutsche Übersetzung „wenn“ fasst mehrere arabische Bedingungstypen zusammen, die grammatisch nicht gleich gebaut werden.
Verwendungshinweise
Der Jussiv gehört besonders zur modernen arabischen Standardsprache und zur klassischen Schriftsprache. In Nachrichten, Sachtexten, Reden und sorgfältig gesprochenem Arabisch sind seine Regeln wichtig. Da gewöhnliche arabische Texte kurze Vokale meist nicht schreiben, erkennt man لم يكتب erst aus der Partikel als Jussiv. Formen wie لم يكتبوا, لا تنسي und لم يرمِ zeigen die Veränderung dagegen sichtbar.
In den arabischen Umgangssprachen ist das klassische Modussystem häufig vereinfacht oder anders organisiert. لم ist im Alltag je nach Region selten und wird durch regionale Vergangenheitsverneinungen ersetzt. Die Standardsprache sollte deshalb nicht dadurch korrigiert werden, dass man eine Dialektform wörtlich übernimmt. Umgekehrt kann eine vollständig gesetzte Standardendung in einem lockeren Dialektgespräch sehr formell wirken.
Bei لا الناهية richtet sich die Anrede nach Geschlecht und Zahl: لا تكتبْ zu einem Mann, لا تكتبي zu einer Frau und لا تكتبوا zu mehreren Personen. Das Deutsche unterscheidet diese Formen im Imperativ nicht auf dieselbe Weise. Wer nur von „Schreib nicht!“ ausgeht, vergisst deshalb leicht die arabische Personenendung.
Die Form لم تكتبْ ist ohne ausgesprochenes Subjekt mehrdeutig: Sie kann „sie schrieb nicht“ oder „du (männlich) schriebst nicht“ bedeuten. Das ist kein Fehler, sondern eine normale Übereinstimmung zweier Personenformen; der Zusammenhang oder ein genanntes Subjekt klärt die Bedeutung.
Über B1 hinaus: fortgeschrittener Gebrauch
Mehr Bedingungswörter
Neben إنْ können unter anderem مَنْ „wer“, ما / مهما „was auch immer“, متى „wann immer“ und أينما „wo/wohin auch immer“ den Jussiv auslösen. In der Grundform stehen sowohl das Bedingungsverb (فعل الشرط) als auch die Folge (جواب الشرط) im Jussiv: مَنْ يعملْ ينجحْ „Wer arbeitet, hat Erfolg“.
Nicht jede Folge kann jedoch als einfacher Jussiv erscheinen. Ist sie zum Beispiel eine Aufforderung, ein Nominalsatz (ein Satz ohne finites Verb in der Gegenwart) oder enthält sie bestimmte Zukunfts- oder Hervorhebungspartikeln, wird sie oft mit فـ angeschlossen: إن وصلتَ فاتصلْ بي „Wenn du angekommen bist, ruf mich an.“ Das فـ markiert hier den Beginn der Folge; man sollte die Regel „zwei Jussive“ also nicht mechanisch auf jeden Bedingungssatz anwenden.
Verben mit verdoppeltem Wurzelkonsonanten
Bei Verben wie يمدّ „er streckt aus“ treffen im Stamm zwei gleiche Konsonanten zusammen. Im Jussiv begegnen Formen mit aufgelöster Verdopplung, etwa لم يمددْ, und in passenden Kontexten auch Formen mit beibehaltener Verschmelzung wie لم يمدَّ. Solche Formen gehören eher zur fortgeschrittenen Formenlehre. Für das B1-Niveau reicht es zunächst, sie beim Lesen zu erkennen und häufige Verben einzeln zu lernen.
Formen mit نون النسوة
Das ن der femininen Pluralformen, die sich auf mehrere Frauen beziehen, ist nicht das löschbare ن der fünf Verben. Es bleibt erhalten: هُنَّ يكتبْنَ und هُنَّ لم يكتبْنَ. Die Form selbst endet bereits auf Sukūn und verändert ihr sichtbares Ende daher nicht. Verwechsle dieses نون النسوة nicht mit dem ن in يكتبونَ, das im Jussiv verschwindet.
Jussiv als Folge einer Aufforderung
In gehobener oder knapper Sprache kann ein Jussiv eine erwartete Folge ausdrücken: اجتهدْ تنجحْ „Streng dich an, dann hast du Erfolg.“ Das zweite Verb bedeutet sinngemäß „wenn du dich anstrengst, wirst du Erfolg haben“. Diese Konstruktion heißt جواب الطلب, also die Folge einer Aufforderung. Sie ist nützlich beim Lesen, aber für den Anfang ist ein ausdrücklicher Bedingungssatz mit إنْ leichter und sicherer.
Übungstipps
- Bilde Dreierreihen. Sprich zu jedem regelmäßigen Verb Indikativ, Subjunktiv und Jussiv: يكتبُ – لن يكتبَ – لم يكتبْ. Bei den fünf Verben ergänze immer den Auslöser, weil لن يكتبوا und لم يكتبوا äußerlich gleich sind.
- Sortiere schwache Verben nach ihrem Ende. Übe täglich je zwei Paare mit ى, و und ي: ينسى – لا تنسَ, يدعو – لم يدعُ, يرمي – لم يرمِ. Schreibe die Formen von Hand, damit du die Löschung auch im Schriftbild bemerkst.
- Markiere beim Lesen zuerst die Partikel. Unterstreiche in einem kurzen Standardarabisch-Text لم, لمّا, لا الناهية und إنْ. Suche erst danach das zugehörige Verb und erkläre seine Endung. So trainierst du nicht nur isolierte Formen, sondern den gesamten Satzbau.
Verwandte Konzepte
- Voraussetzung: Der Subjunktiv — hilft dabei, die drei Formen des imperfektiven Verbs und ihre Auslöser auseinanderzuhalten.
- Nächster Schritt: Bedingungssätze — vertieft إنْ, weitere Bedingungswörter und den Aufbau der Folge.
Voraussetzung
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