C2

Bokmål und Nynorsk

Bokmål og Nynorsk

Dieser Artikel ist Teil des Norwegisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

In Kürze

Bokmål und Nynorsk sind zwei offizielle norwegische Schriftstandards, nicht zwei klar voneinander getrennte gesprochene Sprachen. Sie unterscheiden sich vor allem bei Pronomen, Wortschatz und Flexion: jeg/eg, guttene/gutane, vi snakker/vi snakkar. Wer einen Standard aktiv verwendet, sollte dessen Formen konsequent schreiben, muss aber beide beim Lesen erkennen können.

Überblick

Norwegisch begegnet Lernenden meist zuerst als Bokmål. Dieser Standard ist im Unterricht, in Büchern, Zeitungen und digitalen Medien besonders stark vertreten. Nynorsk wird von einer kleineren, aber bedeutenden Gruppe als Hauptschriftsprache verwendet und ist vor allem in Teilen Westnorwegens verbreitet. Beide Standards sind gesetzlich anerkannt und kommen in Verwaltung, Schule, Literatur und Medien vor.

Die Bezeichnungen beschreiben Schriftnormen. Eine Norm ist ein geregeltes System zulässiger Schreib- und Beugungsformen. Im Alltag sprechen Norwegerinnen und Norweger dagegen gewöhnlich ihren Dialekt. Eine Person kann also einen westnorwegischen Dialekt sprechen und Bokmål schreiben; eine andere kann einen ähnlichen Dialekt sprechen und Nynorsk schreiben. Aussprache und Schreibstandard darf man deshalb nicht gleichsetzen.

Auf C2-Niveau geht es nicht nur darum, auffällige Paare wie jeg – eg zu erkennen. Entscheidend ist, ganze Texte sicher einzuordnen, grammatische Muster zu verstehen und ungewolltes Mischen zu vermeiden. Für deutschsprachige Lernende ist dabei hilfreich: Der Unterschied ähnelt nicht dem zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch. Bokmål und Nynorsk sind beide kodifizierte Schriftstandards mit jeweils eigenen Wörterbüchern und zulässigen Formen.

So funktioniert es

Historischer Hintergrund in aller Kürze

Bokmål entwickelte sich aus der dänisch geprägten Schriftsprache, die in Norwegen über Jahrhunderte verwendet wurde, und wurde schrittweise an norwegischen Sprachgebrauch angepasst. Nynorsk wurde im 19. Jahrhundert auf Grundlage norwegischer Dialekte systematisiert. Dieser Ursprung erklärt Tendenzen wie die häufigeren Diphthonge und die deutlichere Dreigeschlechtigkeit im Nynorsk. Er ist aber keine sichere Regel für jedes einzelne Wort.

Beide Standards erlauben interne Varianten. Es gibt also nicht immer genau eine Bokmål-Form und genau eine Nynorsk-Form. Wörterbücher markieren, was innerhalb der jeweiligen Norm zulässig ist. Die folgenden Gegenüberstellungen verwenden verbreitete, gut erkennbare Formen.

Pronomen und häufige Funktionswörter

Pronomen sind Wörter, die für Personen oder Dinge stehen, etwa „ich“, „sie“ oder „etwas“. Gerade kurze, häufige Wörter verraten den Schriftstandard oft besonders schnell.

Bedeutung Bokmål Nynorsk
ich jeg eg
wir vi vi oder me
nicht ikke ikkje
was hva kva
wer hvem kven
warum hvorfor kvifor
etwas noe noko
jemand noen nokon
jetzt nå no
nur bare berre

Nicht jede Zeile ist ein bloßer Austausch einzelner Buchstaben. hva → kva zeigt zwar ein häufiges Muster, doch bare → berre muss als eigenes Wortpaar gelernt werden.

Substantive: Geschlecht, Artikel und Plural

Ein Substantiv ist ein Hauptwort, also zum Beispiel gutt „Junge“ oder bok „Buch“. Nynorsk unterscheidet konsequent drei grammatische Geschlechter: Maskulinum, Femininum und Neutrum. Im Bokmål kann man feminine Wörter ebenfalls feminin beugen, oft ist aber auch maskuline Beugung erlaubt. Deshalb sind im Bokmål sowohl ei bok – boka als auch en bok – boken möglich; im Nynorsk lautet das reguläre Muster ei bok – boka.

Der bestimmte Artikel wird im Norwegischen meist an das Substantiv angehängt. Besonders auffällig ist der bestimmte Plural vieler maskuliner Wörter:

Form Bokmål Nynorsk
unbestimmter Singular en gutt ein gut
bestimmter Singular gutten guten
unbestimmter Plural gutter gutar
bestimmter Plural guttene gutane

Das im Konzept zentrale Paar guttene/gutane ist daher Teil eines ganzen Beugungsmusters und nicht nur eine abweichende Schreibweise. Bei Neutra zeigt sich ein anderes Muster, zum Beispiel Bokmål et hus – huset – hus – husene gegenüber Nynorsk eit hus – huset – hus – husa.

Verben

Flexion bedeutet, dass ein Wort seine Form nach seiner grammatischen Funktion verändert. Bei Verben erkennt man den Unterschied oft an schwachen Verben, besonders an den sogenannten a-Verben im Nynorsk:

Bedeutung/Form Bokmål Nynorsk
sprechen, Infinitiv å snakke å snakke oder å snakka
wir sprechen vi snakker vi snakkar
wir sprachen vi snakket vi snakka
wir haben gesprochen vi har snakket vi har snakka

Der Infinitiv ist die Grundform eines Verbs, hier „sprechen“. Nynorsk lässt verschiedene normgerechte Infinitivsysteme zu: Formen auf -e, Formen auf -a und unter bestimmten Regeln eine Aufteilung beider Endungen. In einem sorgfältigen Text sollte das gewählte System zusammenhängend verwendet werden.

Die Entsprechung Bokmål -er = Nynorsk -ar ist nützlich, aber keine allgemeine Umwandlungsregel. Viele Verben folgen anderen Klassen oder sind unregelmäßig:

Bedeutung Bokmål Nynorsk
sein å være – er – var – har vært å vere – er – var – har vore
kommen å komme – kommer – kom – har kommet å kome – kjem – kom – har kome
schreiben å skrive – skriver – skrev – har skrevet å skrive – skriv – skreiv – har skrive
finden å finne – finner – fant – har funnet å finne – finn – fann – har funne

Adjektive und typische Lautentsprechungen

Adjektive beschreiben Eigenschaften, etwa dårlig/dårleg „schlecht“. Manche Unterschiede beruhen auf wiederkehrenden Laut- und Schreibmustern:

Bedeutung Bokmål Nynorsk
schlecht dårlig dårleg
möglich mulig mogleg
deutlich tydelig tydeleg
hoch høy høg
frei fri fri

Nynorsk bewahrt in vielen Wörtern Diphthonge, also Verbindungen zweier Vokallaute in einer Silbe: Bokmål stein und Nynorsk stein stimmen überein, während etwa Bokmål skrev Nynorsk skreiv gegenübersteht. Solche Tendenzen helfen beim Erkennen, ersetzen aber nie das Nachschlagen.

Satzbau: oft ähnlich, aber nicht immer wortgleich

Die grundlegende Wortstellung ist in beiden Standards weitgehend dieselbe. In einem Hauptsatz steht das finite Verb, also das nach Person und Zeit bestimmte Verb, typischerweise an zweiter Stelle:

  • Bokmål: I dag skriver jeg et brev.
  • Nynorsk: I dag skriv eg eit brev.
  • Deutsch: „Heute schreibe ich einen Brief.“

Die Struktur bleibt erhalten; mehrere Formen ändern sich. Beim Umschreiben eines ganzen Textes muss man daher vor allem Pronomen, Artikel, Beugungen und Wortwahl prüfen, nicht jeden Satz syntaktisch neu bauen.

Beispiele im Kontext

Die Tabelle zeigt parallele, natürlich formulierte Varianten. Abkürzungen wie BM und NN gehören nur zur Erklärung; in einem normalen norwegischen Text werden sie nicht vor jeden Satz gesetzt.

Norwegisch Deutsch Hinweis
BM: Jeg vet ikke hva han heter. / NN: Eg veit ikkje kva han heiter. Ich weiß nicht, wie er heißt. Mehrere häufige Kennformen treten gemeinsam auf.
BM: Vi snakker norsk hjemme. / NN: Vi snakkar norsk heime. Wir sprechen zu Hause Norwegisch. Präsens auf -er/-ar und hjemme/heime.
BM: Guttene spiller fotball. / NN: Gutane spelar fotball. Die Jungen spielen Fußball. Bestimmter Plural und Verbendung unterscheiden sich.
BM: Det var en dårlig idé. / NN: Det var ein dårleg idé. Das war eine schlechte Idee. Artikel en/ein und Adjektiv dårlig/dårleg.
BM: Hun har skrevet et langt brev. / NN: Ho har skrive eit langt brev. Sie hat einen langen Brief geschrieben. Pronomen, Partizip und neutraler Artikel.
BM: Boken ligger på bordet. / NN: Boka ligg på bordet. Das Buch liegt auf dem Tisch. Bokmål zeigt hier eine zulässige maskuline Form; Nynorsk die feminine.
BM: Hvorfor kommer dere så sent? / NN: Kvifor kjem de så seint? Warum kommt ihr so spät? Fragewort, Pronomen, Verb und Diphthong.
BM: Barna leker ute nå. / NN: Barna leikar ute no. Die Kinder spielen jetzt draußen. barna ist hier gleich; Verb und Adverb unterscheiden sich.
BM: Vi fant ingen løsning. / NN: Vi fann inga løysing. Wir fanden keine Lösung. Vergangenheit, Kongruenz und Wortform.
BM: De nye husene er dyre. / NN: Dei nye husa er dyre. Die neuen Häuser sind teuer. Demonstrativform und bestimmter Plural des Neutrums.
BM: Jeg synes filmen var morsom. / NN: Eg synest filmen var morosam. Ich finde, der Film war lustig. Das Verb und das prädikative Adjektiv wechseln.
BM: Hun kommer ikke før i morgen. / NN: Ho kjem ikkje før i morgon. Sie kommt erst morgen. Ein ganzer Satz mit typischen Nynorsk-Kennformen.

Häufige Fehler

Nynorsk wie einen Dialekt behandeln

  • Problematisch: „Nynorsk ist die gesprochene Sprache Westnorwegens.“
  • Besser: „Nynorsk ist ein Schriftstandard, den viele Menschen mit unterschiedlichen Dialekten verwenden.“
  • Warum: Dialekte sind gesprochene Varietäten; Nynorsk ist normierte Schriftsprache. Eine enge historische und regionale Verbindung macht beides nicht identisch.

Nur jeg durch eg ersetzen

  • Falsch gemischt: Eg vet ikke hva guttene gjør.
  • Konsequent Nynorsk: Eg veit ikkje kva gutane gjer.
  • Warum: Ein Standardwechsel betrifft nicht nur das Subjektpronomen, sondern auch Wortschatz und Flexion. Der Mischsatz enthält mehrere Bokmål-Formen.

Jede Präsensendung mechanisch umformen

  • Falsche Regel: Bokmål kommer → Nynorsk kommar
  • Richtig: Bokmål kommer → Nynorsk kjem
  • Warum: -er/-ar funktioniert bei einer wichtigen Gruppe schwacher Verben, aber nicht bei allen Verben. Starke und unregelmäßige Verben müssen als Paradigmen gelernt werden.

Das Genussystem des Bokmål auf Nynorsk übertragen

  • Nicht standardgemäßes Nynorsk: en bok – boken
  • Richtiges Nynorsk: ei bok – boka
  • Warum: Nynorsk verlangt bei femininen Substantiven feminine Artikel und Endungen. Die im Bokmål mögliche Zusammenlegung von Femininum und Maskulinum gilt dort nicht.

Varianten wahllos mischen

  • Unruhig: In einem Nynorsk-Text ohne erkennbares System abwechselnd Infinitive auf -a und -e verwenden.
  • Besser: Ein zulässiges Infinitivsystem wählen und durchgehend beibehalten.
  • Warum: Mehrere Formen können normgerecht sein. Gute Sprache verlangt trotzdem innere Konsequenz. „Erlaubt“ bedeutet nicht, dass jede Kombination stilistisch gelungen ist.

Hinweise zum Gebrauch

Bokmål ist statistisch der häufigere Schriftstandard und für viele ausländische Lernende die erste aktive Norm. Daraus folgt jedoch nicht, dass Nynorsk informell, veraltet oder nur literarisch wäre. Nynorsk wird in aktuellen Nachrichten, Behörden, Schulen, Unternehmen und sozialen Medien verwendet. In norwegischen Textsammlungen und im öffentlichen Leben gehört rezeptive Beherrschung beider Standards zur umfassenden Sprachkompetenz.

Auch innerhalb des Bokmål gibt es konservativere und stärker an gesprochene norwegische Formen angenäherte Varianten. So können boken und boka beide korrektes Bokmål sein. Die Form boka allein beweist daher noch keinen Nynorsk-Text. Erst ein Bündel von Merkmalen — etwa eg, ikkje, kva, ein, kjem — ermöglicht eine zuverlässige Einordnung.

Nynorsk ist ebenfalls keine einzige stilistische Schablone. Autorinnen und Autoren treffen innerhalb der Norm unterschiedliche Wahlen, etwa bei Infinitivendungen und zugelassenen Nebenformen. Bei formellen Texten sollte man die aktuelle Wörterbuchnorm prüfen, statt sich ausschließlich auf eine automatische Umwandlung oder auf Dialektgefühl zu verlassen.

Für Deutschsprachige besteht eine besondere Versuchung darin, Nynorsk als „dialektal“ und Bokmål als „Hochsprache“ zu bewerten. Diese deutsche Begriffspaarung führt in die Irre: Beide besitzen offizielle Rechtschreibnormen und können in formellen Zusammenhängen stehen. Unterschiede in Verbreitung sind keine Unterschiede in grammatischer Gültigkeit.

Für Fortgeschrittene

Einen Standard am Merkmalsbündel erkennen

Ein einzelnes Wort kann mehrdeutig sein. vi, hus, dag und viele weitere Formen gehören zu beiden Standards. Fortgeschrittene Leser achten deshalb gleichzeitig auf mehrere Ebenen:

  1. Funktionswörter: jeg/eg, ikke/ikkje, hva/kva.
  2. Nominalflexion: gutter/gutar, husene/husa.
  3. Verbflexion: snakker/snakkar, skriver/skriv.
  4. Lexik: bare/berre, hjemme/heime.
  5. Systemtreue: Treten die Merkmale über den gesamten Text hinweg konsequent auf?

Diese Methode ist zuverlässiger als die Suche nach einem vermeintlichen „Signalwort“.

Formähnlichkeit bedeutet nicht immer gleiche Verteilung

Manche Formen existieren in beiden Normen, werden aber unterschiedlich häufig oder in anderen Variantensystemen gebraucht. Umgekehrt kann eine Form, die Lernende spontan für Nynorsk halten, auch im Bokmål zugelassen sein. Besonders bei femininen Formen wie boka muss der restliche Text mitbewertet werden.

Beim aktiven Schreiben sollte man zwischen Normkompetenz und Stilkompetenz unterscheiden. Normkompetenz beantwortet: „Ist diese Form zulässig?“ Stilkompetenz fragt zusätzlich: „Passt sie zu den übrigen Formen, zur Textsorte und zum gewünschten Ton?“ Auf C2-Niveau sind beide Fragen wichtig.

Umschreiben ist mehr als Wortersatz

Eine gute Übertragung von Bokmål nach Nynorsk oder umgekehrt erhält die Bedeutung, formuliert aber idiomatisch innerhalb der Zielnorm. Dabei können feste Wendungen, Wortwahl und Rhythmus eine größere Änderung verlangen als die Grammatik. Automatische Werkzeuge sind nützlich für einen ersten Entwurf, doch bei Verwaltungstexten, Veröffentlichungen oder Prüfungen bleibt die Kontrolle mit einem aktuellen einsprachigen Wörterbuch unverzichtbar.

Übungstipps

  1. Markiere fünf Ebenen mit Farben. Nimm einen kurzen Paralleltext und kennzeichne Pronomen, Substantivendungen, Verbformen, Adjektive und reinen Wortschatz getrennt. So entsteht ein System statt einer Liste isolierter Paare.
  2. Führe ein persönliches Gegensatzlexikon. Notiere nicht nur jeg – eg, sondern ganze Wortfamilien und Paradigmen: gutt – gutten – gutter – guttene neben gut – guten – gutar – gutane.
  3. Schreibe kontrolliert um. Übertrage wöchentlich einen Absatz in den anderen Standard. Prüfe anschließend jedes Wort in einem aktuellen Bokmål- oder Nynorsk-Wörterbuch und markiere Stellen, an denen mehrere Varianten erlaubt sind.

Verwandte Themen

  • Voraussetzung: Norwegische Dialekte — erklärt die Vielfalt gesprochener Varietäten und hilft, Dialekt und Schriftstandard auseinanderzuhalten.

Voraussetzung

Norwegische Dialekte verstehenC2

Mehr C2-Konzepte