A1

Der Absolutiv im Baskischen

Absolutiboa (NOR)

Dieser Artikel ist Teil des Baskisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Der Absolutiv, auf Baskisch NOR, kennzeichnet das Subjekt eines intransitiven Verbs und das direkte Objekt eines transitiven Verbs. Bei bestimmten Nominalgruppen erscheinen meist -a im Singular und -ak im Plural: mutila „der Junge“, mutilak „die Jungen“. Eine zusätzliche Kasusendung gibt es im Absolutiv nicht.

Überblick

Ein Kasus ist eine Form, die zeigt, welche Aufgabe eine Nominalgruppe im Satz hat. Eine Nominalgruppe ist ein Substantiv mit seinen Begleitern, etwa „der Junge“ oder „die roten Äpfel“. Im Baskischen gehört der Absolutiv zu den ersten wichtigen Kasus, die man auf Niveau A1 kennenlernt. In baskischen Grammatiken heißt seine Frage NOR: wörtlich „wer?“, als grammatisches Etikett aber auch für Sachen verwendbar.

Für deutschsprachige Lernende ist vor allem die Einteilung ungewohnt. Im Deutschen steht das Subjekt normalerweise im Nominativ, egal welches Verb folgt. Baskisch gruppiert anders:

  • Das Subjekt eines intransitiven Verbs – eines Verbs ohne direktes Objekt, zum Beispiel „kommen“ oder „fallen“ – steht im Absolutiv.
  • Das direkte Objekt – die Person oder Sache, auf die sich die Handlung unmittelbar richtet – steht ebenfalls im Absolutiv.
  • Nur der Handelnde eines transitiven Verbs, also eines Verbs mit direktem Objekt, steht im Ergativ (NORK).

Darum entsprechen dem baskischen Absolutiv je nach Satz entweder ein deutscher Nominativ oder ein deutscher Akkusativ. Die deutsche Frage „Wer oder was?“ reicht also nicht aus. Entscheidend ist, ob das Verb in diesem Satz ein direktes Objekt hat.

So funktioniert der Absolutiv

Die Grundregel: NOR bei einem intransitiven Verb

Ein intransitives Verb hat kein direktes Objekt. Die einzige zentrale Person oder Sache steht dann im Absolutiv:

  • Mutila etorri da. – Der Junge ist gekommen.
  • Haurrak jolasean dira. – Die Kinder spielen.
  • Atea ireki da. – Die Tür ist aufgegangen.

In diesen Sätzen sind mutila, haurrak und atea die Subjekte: Sie kommen, spielen beziehungsweise gehen auf. Da kein direktes Objekt vorhanden ist, verlangt das Baskische keinen Ergativ.

Das Hilfsverb passt sich an die Zahl des Absolutivs an. Bei einem bestimmten Subjekt im Singular steht hier da, bei einem bestimmten Subjekt im Plural dira:

Absolutiv Zahl Verbform Bedeutung
mutila Singular etorri da der Junge ist gekommen
mutilak Plural etorri dira die Jungen sind gekommen

NOR als direktes Objekt

Ein transitives Verb verbindet einen Handelnden mit einem direkten Objekt. Der Handelnde steht im Ergativ (NORK), das direkte Objekt im Absolutiv (NOR):

NORK + NOR + Verb

  • Nik liburua irakurri dut. – Ich habe das Buch gelesen.
  • Anek sagarrak erosi ditu. – Ane hat die Äpfel gekauft.

In Nik liburua irakurri dut ist nik „ich“ der Handelnde und daher ergativisch. Liburua „das Buch“ ist das Gelesene und steht im Absolutiv. Anders als im Deutschen verändert sich also nicht nur die Form der Nominalgruppen: Auch das baskische Hilfsverb enthält Informationen über Handelnden und Objekt.

Aufgabe Baskische Bezeichnung Beispiel Deutsche Entsprechung im Beispiel
Subjekt ohne direktes Objekt NOR Mutila etorri da. Nominativ: der Junge
Handelnder mit direktem Objekt NORK Nik liburua irakurri dut. Nominativ: ich
direktes Objekt NOR Nik liburua irakurri dut. Akkusativ: das Buch

Die Begriffe „Subjekt = Nominativ“ und „Objekt = Akkusativ“ lassen sich deshalb nicht einfach auf das Baskische übertragen. Merke dir besser die beiden Satzmuster NOR + intransitives Verb und NORK + NOR + transitives Verb.

Bestimmter Singular und Plural

Bei einer bestimmten Nominalgruppe sieht die Absolutivform meist so aus:

Stamm Bestimmter Singular Bestimmter Plural
etxe „Haus“ etxea „das Haus“ etxeak „die Häuser“
liburu „Buch“ liburua „das Buch“ liburuak „die Bücher“
mutil „Junge“ mutila „der Junge“ mutilak „die Jungen“
neska „Mädchen“ neska „das Mädchen“ neskak „die Mädchen“

Die Endungen -a und -ak verbinden Bestimmtheit und Zahl. Streng genommen ist also das fehlende zusätzliche Kasuszeichen typisch für den Absolutiv; -a und -ak sind nicht bloß Kasusendungen. Das erklärt auch Formen ohne diese Endungen.

Endet der Stamm bereits auf -a, wird im bestimmten Singular kein zweites a angehängt: neska bleibt neska, nicht neskaa. Im Plural steht neskak.

Unbestimmte Formen und bat

Baskisch besitzt keinen unbestimmten Artikel, der genau wie deutsches „ein/eine“ funktioniert. Bat bedeutet ursprünglich „eins“ und steht hinter der Nominalgruppe:

  • etxe bat – ein Haus
  • liburu interesgarri bat – ein interessantes Buch

Nach Zahlen und vielen Mengenwörtern wird häufig die unbestimmte, endungslose Form verwendet:

  • bi etxe – zwei Häuser
  • hiru liburu – drei Bücher
  • ur asko – viel Wasser

Diese Gruppen können ebenfalls im Absolutiv stehen. Absolutiv bedeutet daher nicht automatisch „Wort auf -a oder -ak“. Die Formen etxe bat und bi etxe sind im passenden Satz genauso absolutivisch wie etxea und etxeak.

Die Endung steht am Ende der ganzen Nominalgruppe

Kasus und Artikel werden im Baskischen an die gesamte Nominalgruppe angefügt. Ein Adjektiv – ein Eigenschaftswort wie „groß“ oder „rot“ – folgt normalerweise dem Substantiv. Die Endung steht dann am letzten Wort:

  • etxe handia – das große Haus
  • etxe handiak – die großen Häuser
  • sagar gorria – der rote Apfel
  • sagar gorriak – die roten Äpfel

Vergleiche etxea „das Haus“ mit etxe handia „das große Haus“. Man sagt nicht zweimal, dass die Gruppe bestimmt ist. Das -a erscheint nur am Ende von handia.

In einem Satz wie Sagarra gorria da stehen dagegen zwei getrennte Einheiten: sagarra ist „der Apfel“, gorria ist die Aussage „rot“. Deshalb tragen hier beide Wörter eine bestimmte Form.

Das Verb hilft beim Erkennen

Die Form -ak ist doppeldeutig:

  • mutilak kann „die Jungen“ im Absolutiv Plural bedeuten;
  • mutilak kann auch „der Junge“ im Ergativ Singular bedeuten.

Der Satz löst die Mehrdeutigkeit meist sofort auf:

  • Mutilak etorri dira. – Die Jungen sind gekommen. (dira: pluralisches NOR)
  • Mutilak ogia erosi du. – Der Junge hat das Brot gekauft. (du: singularischer Handelnder und singularisches Objekt)

Lerne Nominalform und Hilfsverb deshalb immer zusammen. Gerade im Baskischen trägt das Verb einen wichtigen Teil der grammatischen Information.

Beispiele im Kontext

Baskisch Deutsch Hinweis
Mutila etorri da. Der Junge ist gekommen. Intransitives Subjekt, Singular
Haurrak jolasean dira. Die Kinder spielen. Intransitives Subjekt, Plural
Sagarra gorria da. Der Apfel ist rot. sagarra steht als Subjekt im Absolutiv
Atea itxi da. Die Tür hat sich geschlossen. Zustandsänderung ohne genannten Handelnden
Nor etorri da? Wer ist gekommen? nor ist die Frageform des Absolutivs
Nik liburua irakurri dut. Ich habe das Buch gelesen. liburua ist das direkte Objekt
Anek sagarrak erosi ditu. Ane hat die Äpfel gekauft. Pluralisches Objekt; deshalb ditu
Guk etxe bat ikusi dugu. Wir haben ein Haus gesehen. Unbestimmtes Objekt mit bat
Jonek bi kafe eskatu ditu. Jon hat zwei Kaffee bestellt. Nach der Zahl steht kafe ohne Artikelendung
Umeak pilota galdu du. Das Kind hat den Ball verloren. umeak ist Ergativ Singular, pilota Absolutiv Singular
Etxe handia saldu da. Das große Haus ist verkauft worden. Die Endung steht am Ende der Nominalgruppe
Irakasleak ikasleak ikusi ditu. Die Lehrkraft hat die Schüler gesehen. Erstes -ak: Ergativ Singular; zweites -ak: Absolutiv Plural

Häufige Fehler

Bei jedem Subjekt den Ergativ verwenden

  • Falsch: Mutilak etorri da. – gemeint: „Der Junge ist gekommen.“
  • Richtig: Mutila etorri da.
  • Warum: Etorri „kommen“ hat kein direktes Objekt. Sein Subjekt steht daher im Absolutiv, nicht im Ergativ.

Singular auf -ak mit einem singularischen Verb verbinden

  • Falsch: Mutilak etorri da. – gemeint: „Die Jungen sind gekommen.“
  • Richtig: Mutilak etorri dira.
  • Warum: Als Absolutiv Plural verlangt mutilak hier die Pluralform dira. Die Form -ak allein verrät noch nicht ihre Funktion; das Verb muss dazu passen.

Beim Objekt das deutsche Akkusativdenken übertragen

  • Falsch: Nik liburuak irakurri dut. – gemeint: „Ich habe das Buch gelesen.“
  • Richtig: Nik liburua irakurri dut.
  • Warum: Das direkte Objekt steht im Absolutiv. Liburua ist bestimmter Singular. Soll wirklich „die Bücher“ gemeint sein, heißt es Nik liburuak irakurri ditut; dann ändert sich auch das Hilfsverb.

Nach einer Zahl automatisch -ak setzen

  • Für die neutrale Mengenangabe unpassend: bi liburuak erosi ditut
  • Neutral: bi liburu erosi ditut.
  • Warum: Nach einer Zahl steht das Substantiv gewöhnlich in der unbestimmten Form: bi liburu „zwei Bücher“. Eine bestimmte Konstruktion kann in einem besonderen Zusammenhang möglich sein, etwa wenn genau die bereits bekannten zwei Bücher gemeint sind; sie ist aber nicht die normale Grundform zum Zählen.

Artikel und Kasus an das Substantiv statt an die ganze Gruppe hängen

  • Falsch als eine Nominalgruppe: etxea handi
  • Richtig: etxe handia – „das große Haus“
  • Warum: Das Adjektiv folgt dem Substantiv, und die Endung steht am Ende der gesamten Gruppe.

-a und -ak für reine Kasusendungen halten

  • Fehlschluss: Ohne -a oder -ak könne eine Form nicht im Absolutiv stehen.
  • Gegenbeispiel: Etxe bat erosi dut. – Ich habe ein Haus gekauft.
  • Warum: Etxe bat ist das direkte Objekt und damit absolutivisch. Die Form ist unbestimmt und erhält deshalb nicht die bestimmte Endung -a.

Hinweise zum Gebrauch

Die bestimmte Form kommt im Baskischen nicht immer dort vor, wo im Deutschen „der/die/das“ steht. Sie wird teilweise weiter verwendet. Bei Berufen oder Rollen ist zum Beispiel Ane medikua da natürlich: „Ane ist Ärztin.“ Das Deutsche verwendet hier keinen Artikel, das Baskische aber die Form medikua. Übersetze die Endung daher nicht bei jedem Vorkommen mechanisch mit einem deutschen bestimmten Artikel.

Auch Stoffbezeichnungen und allgemeine Aussagen erscheinen häufig bestimmt: Ura hotza da kann schlicht „Das Wasser ist kalt“ heißen. Ob eine Gruppe bestimmt, unbestimmt oder allgemein gemeint ist, ergibt sich aus Form und Zusammenhang gemeinsam.

Die Bezeichnungen NOR, NORK und später NORI begegnen dir häufig in Lehrbüchern und Verbtabellen. Sie sind keine feste Wortfolge für den Satz, sondern zeigen, welche Beteiligten das Hilfsverb berücksichtigt. NOR bleibt dabei die absolutivische Person oder Sache – unabhängig davon, an welcher Stelle sie im Satz steht.

Die hier beschriebenen Formen gehören zum Standardbaskischen (euskara batua). In gesprochener Sprache können Aussprache und regionale Formen abweichen. Für den Einstieg ist es sinnvoll, zuerst die Standardsprache und besonders die Verbindung zwischen Nominalgruppe und Hilfsverb sicher zu beherrschen.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Punkte musst du auf A1 noch nicht vollständig beherrschen. Sie erklären aber Formen, die dir später häufig begegnen.

Verbkongruenz mit NOR

Kongruenz bedeutet, dass eine Verbform grammatische Merkmale einer anderen Satzeinheit widerspiegelt. Im Baskischen verweist das Hilfsverb auf das absolutivische Satzglied. Bei transitiven Verben kann deshalb ein Wechsel vom singularischen zum pluralischen Objekt die Verbform verändern:

  • Liburua irakurri dut. – Ich habe das Buch gelesen.
  • Liburuak irakurri ditut. – Ich habe die Bücher gelesen.

Der Handelnde bleibt in beiden Sätzen „ich“ (nik), aber dut wird wegen des pluralischen Objekts zu ditut. In komplexeren Verbformen werden zusätzlich Ergativ und Dativ berücksichtigt.

Absolutiv oder Partitiv

In Verneinungen und manchen Fragen kann später der Partitiv auf -rik an die Stelle einer unbestimmten Absolutivgruppe treten:

  • Ogia badago. – Es gibt Brot.
  • Ez dago ogirik. – Es gibt kein Brot.
  • Ogirik nahi duzu? – Möchtest du Brot?

Der Partitiv ist nicht einfach ein „negativer Absolutiv“, sondern eine eigene Struktur. Für den Anfang genügt der Kontrast: In bejahenden, bestimmten Aussagen ist der Absolutiv die Grundwahl; bei unbestimmten Mengen unter Verneinung oder in offenen Fragen begegnet oft -rik.

Mehrdeutigkeit von -ak

Auch auf höherem Niveau bleibt -ak formal mehrdeutig. Ein Satz wie Irakasleak ikasleak ikusi ditu lässt sich nur durch Satzbau, Bedeutung und Verbform richtig zerlegen: Die Lehrkraft ist ergativischer Singular, die Schüler sind absolutivischer Plural. Diese Mehrdeutigkeit ist kein Mangel des Systems; baskische Sprecher nutzen alle Informationen im Satz gleichzeitig.

Prädikative Nominalgruppen

Nach izan „sein“ können sowohl das Subjekt als auch die Beschreibung bestimmte Formen tragen:

  • Miren irakaslea da. – Miren ist Lehrerin.
  • Haiek nire lagunak dira. – Sie sind meine Freunde.

Das Deutsche lässt bei Berufen den Artikel weg, während Baskisch häufig die bestimmte Form verwendet. Solche Sätze sind ein guter Beleg dafür, dass -a nicht Wort für Wort mit „der/die/das“ gleichgesetzt werden darf.

Übungstipps

  1. Sortiere Verben nach Satzmuster. Schreibe zwei Listen: ohne direktes Objekt (etorri „kommen“, joan „gehen“) und mit direktem Objekt (ikusi „sehen“, erosi „kaufen“). Bilde dann zu jedem Verb einen Satz und markiere NOR.
  2. Lerne Form und Hilfsverb als Paar. Sprich Gegensatzpaare laut: mutila etorri da – mutilak etorri dira und liburua irakurri dut – liburuak irakurri ditut. So prägt sich nicht nur die Endung, sondern die ganze Struktur ein.
  3. Suche zuerst das Verb. Frage bei einem neuen Satz: Gibt es ein direktes Objekt? Wenn nein, steht das Subjekt im Absolutiv. Wenn ja, suche das direkte Objekt als NOR und den Handelnden als NORK.

Verwandte Themen

  • Voraussetzung: Artikel und Determinierer – erklärt die bestimmten Endungen -a und -ak sowie die Verwendung von bat.
  • Nächster Schritt: Der Ergativ – zeigt, wie der Handelnde eines transitiven Verbs als NORK markiert wird.
  • Nächster Schritt: Grundlegende Postpositionen – führt weitere Kasusendungen für Ort, Richtung, Herkunft und Begleitung ein.
  • Später: Der Genitiv – drückt Besitz und Zugehörigkeit mit -ren aus.
  • Später: Die Partitivstruktur – erklärt -rik besonders in Verneinungen und Fragen.

Voraussetzung

Artikel und Determinierer im BaskischenA1

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