A1

Vierfache Vokalharmonie im Türkischen

Dörtlü Ünlü Uyumu

Dieser Artikel ist Teil des Türkisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Bei Endungen mit vierfacher Vokalharmonie richtet sich der Vokal nach dem letzten Vokal des Wortes: Nach a/ı folgt ı, nach e/i folgt i, nach o/u folgt u und nach ö/ü folgt ü. So entstehen etwa kapıyı, evi, kutuyu und gözü.

Überblick

Im Türkischen werden viele grammatische Informationen als Endungen an ein Wort angefügt. Der Vokal einer solchen Endung ist oft nicht fest, sondern passt sich an den letzten Vokal des bisherigen Wortes an. Diese Anpassung heißt Vokalharmonie. Bei der vierfachen Vokalharmonie stehen vier Möglichkeiten zur Wahl: ı, i, u, ü.

Das Prinzip begegnet Ihnen schon auf A1-Niveau ständig: beim Akkusativ (dem Fall für ein bestimmtes direktes Objekt, also die Person oder Sache, die unmittelbar von einer Handlung betroffen ist), bei Besitzendungen und in der Verlaufsform auf -(I)yor. Wer die Auswahl als Regel versteht, muss Formen wie evim, kutum und gözüm nicht einzeln auswendig lernen.

Für Deutschsprachige ist vor allem ungewohnt, dass eine grammatische Endung ihren Vokal so regelmäßig wechselt. Der deutsche Umlaut in Buch – Bücher ist damit nicht vergleichbar: Im Türkischen verändert sich nicht zufällig ein Stammvokal, sondern der Vokal der angefügten Endung folgt einem verlässlichen Muster. Besonders wichtig ist dabei der Unterschied zwischen i und dem punktlosen ı.

So funktioniert die vierfache Harmonie

Die Grundtabelle

Suchen Sie im Wort von rechts nach links den letzten Vokal. Dieser bestimmt die Form der Endung:

Letzter Vokal Eigenschaft Vokal der Endung Beispiel
a, ı hinten, ungerundet ı kapı-yı, ad-ım
e, i vorn, ungerundet i ev-i, el-im
o, u hinten, gerundet u kutu-yu, yol-um
ö, ü vorn, gerundet ü göz-ü, gün-üm

Vorn und hinten beschreiben, wo die Zunge den Vokal bildet. Gerundet bedeutet, dass die Lippen gerundet sind. Für die Anwendung müssen Sie diese Fachbegriffe nicht jedes Mal durchgehen. Die vier Paare reichen als Merkschema:

  • a/ı → ı
  • e/i → i
  • o/u → u
  • ö/ü → ü

Die Vokale o und ö lösen also eine gerundete Endung aus, erscheinen aber selbst nicht als Variante dieser Endungen: Auf o folgt u, auf ö folgt ü.

Was das große I bedeutet

In Grammatiken steht ein großes I oft als Platzhalter für einen der vier Vokale. Es ist keine Endung, die man wörtlich schreibt:

  • -(y)I bedeutet: -ı, -i, -u oder , bei Bedarf mit einem verbindenden y.
  • -(I)m bedeutet je nach Wort etwa -ım, -im, -um oder -üm.
  • -(I)yor ergibt Formen wie yapıyor, geliyor, oluyor, görüyor.

Klammern kennzeichnen einen Laut, der nur unter bestimmten Bedingungen erscheint. Bei -(y)I braucht ein Wort nach einem Vokal das verbindende y: kapı-yı, kutu-yu. Nach einem Konsonanten steht kein y: ev-i, göz-ü. Einen solchen Laut nennt man einen Bindekonsonanten, also einen Konsonanten, der zwei Vokale sauber miteinander verbindet.

Akkusativ: -(y)I

Der türkische Akkusativ kennzeichnet häufig ein bestimmtes direktes Objekt. Seine vier Formen folgen genau der Grundtabelle:

Grundform Letzter Vokal Akkusativ Bedeutung
kapı ı kapıyı die Tür
ev e evi das Haus
kutu u kutuyu die Schachtel
göz ö gözü das Auge

Die Trennstriche dienen nur der Erklärung. Im normalen Türkisch schreibt man kapıyı und evi zusammen. Bei Eigennamen steht dagegen ein Apostroph: Berlin'i, Hamburg'u, Köln'ü.

Besitzendungen

Eine Besitzendung zeigt an, wem etwas gehört. Für „mein“ steht nach einem Konsonanten -(I)m:

Wort „mein …“ Aufbau
ad (Name) adım ad-ım
ev (Haus) evim ev-im
yol (Weg) yolum yol-um
göz (Auge) gözüm göz-üm

Endet das Wort bereits auf einen Vokal, fällt der variable Vokal dieser Endung weg: araba-m „mein Auto“, kedi-m „meine Katze“. Entsprechend bedeutet -(I)n „dein“: adın, evin, yolun, gözün, aber araban und kedin.

Auch die Endung der dritten Person folgt der Harmonie. Sie lautet nach einem Konsonanten -I und nach einem Vokal -sI: evi „sein/ihr Haus“, gözü „sein/ihr Auge“, arabası „sein/ihr Auto“, kedisi „seine/ihre Katze“. Das s verbindet hier die beiden Vokale.

Verlaufsform: -(I)yor

Mit -(I)yor beschreibt man meist eine gerade ablaufende oder gegenwärtig andauernde Handlung. Der Vokal vor -yor hat vier Varianten:

Infinitiv Form Auswahl
yapmak (machen) yapıyor a → ı
gelmek (kommen) geliyor e → i
olmak (werden/sein) oluyor o → u
görmek (sehen) görüyor ö → ü

Bei Stämmen auf a oder e verschmilzt die Endung mit dem letzten Stammvokal; dieser wird dabei enger ausgesprochen: anlamak → anlıyor, beklemek → bekliyor. Bei okumak → okuyor und yürümek → yürüyor stehen ebenfalls nicht zwei gleiche Vokale nebeneinander. Für den Anfang lohnt es sich, diese häufigen Formen als vollständige Klangmuster mitzusprechen.

Jede neue Endung schaut erneut nach links

Werden mehrere Endungen angefügt, richtet sich jede harmonische Endung nach dem letzten Vokal, der zu diesem Zeitpunkt vorhanden ist. Dieser kann aus einer früheren Endung stammen:

  • çocukçocuklarçocuklarım „meine Kinder“: Die Besitzendung folgt dem a in -lar, daher -ım.
  • gözgözümgözümü „mein Auge“ im Akkusativ: Der Akkusativ folgt dem ü in gözüm.
  • gelgeliyorgeliyorum „ich komme gerade“: Die Personenendung folgt dem letzten Vokal o in -yor und lautet deshalb -um.

Das Wort wird also nicht ein einziges Mal klassifiziert. Die Harmonie wird bei jedem passenden Baustein neu berechnet.

Beispiele im Kontext

Türkisch Deutsch Hinweis
Kapıyı kapatır mısın? Würdest du die Tür schließen? kapı + yı: Akkusativ mit verbindendem y
Bu evi çok seviyorum. Ich mag dieses Haus sehr. ev + i: nach e folgt i
Kutuyu masaya koydum. Ich habe die Schachtel auf den Tisch gestellt. kutu + yu: nach u folgt u
Gözümü açtım. Ich öffnete mein Auge. göz + üm + ü: zwei harmonische Endungen
Adım Deniz. Ich heiße Deniz. wörtlich „Mein Name ist Deniz“: ad + ım
Telefonun nerede? Wo ist dein Telefon? telefon + un: Besitzendung nach o
Kedisi koltukta uyuyor. Seine/Ihre Katze schläft auf dem Sofa. kedi + si: dritter Besitzer nach einem Vokal
Çocuklarım okulda. Meine Kinder sind in der Schule. -ım richtet sich nach dem a in -lar
Burada ne yapıyorsun? Was machst du hier? yapıyor: a → ı
Otobüs geliyor. Der Bus kommt gerade. geliyor: e → i
Her sabah kahve içiyorum. Ich trinke jeden Morgen Kaffee. içiyor: i → i
Seni görüyorum. Ich sehe dich. görüyor: ö → ü
Toplantı saat üçte başlıyor. Die Besprechung beginnt um drei Uhr. başlamak → başlıyor
Yeni kitabımı okuyorum. Ich lese mein neues Buch. kitab-ım-ı: Besitz und Akkusativ

Häufige Fehler

i als Standardvokal verwenden

  • Falsch: kapiyi, yolim
  • Richtig: kapıyı, yolum
  • Warum: Deutsches i wirkt vertraut, ist aber nur nach e oder i richtig. Nach a/ı steht das punktlose ı, nach o/u steht u.

Auf den letzten Buchstaben statt auf den letzten Vokal schauen

  • Falsch: kitapi
  • Richtig: kitabı
  • Warum: Entscheidend ist im Stamm kitap der letzte Vokal a, nicht der letzte Buchstabe p. Dass p vor einer vokalischen Endung zu b wird, ist eine zusätzliche Konsonantenregel.

o oder ö in die Endung übernehmen

  • Falsch: yolom, gözö
  • Richtig: yolum, gözü
  • Warum: Vierfach harmonische Endungen verwenden nur ı, i, u, ü. Nach o kommt u, nach ö kommt ü.

Ein verbindendes y an der falschen Stelle einsetzen

  • Falsch: evyi, gözyü
  • Richtig: evi, gözü
  • Warum: Das y in -(y)I steht nur, wenn die Grundform auf einen Vokal endet: araba-yı. Nach einem Konsonanten wird die Endung direkt angefügt.

Die vierfache Regel auf jede Endung anwenden

  • Falsch: evlir statt evler
  • Richtig: evler
  • Warum: Nicht alle türkischen Endungen sind vierfach. Die Mehrzahl -lar/-ler hat nur zwei Varianten. Lernen Sie daher mit jeder neuen Endung auch ihr Muster.

Bei der Verlaufsform den Stammvokal unverändert lassen

  • Falsch: anlayor, bekleyor
  • Richtig: anlıyor, bekliyor
  • Warum: Bei Verben auf a oder e verändert sich dieser Vokal vor -(I)yor: anla- → anlı-, bekle- → bekli-.

Gebrauchshinweise

Die Vokalharmonie ist keine Frage eines förmlichen oder umgangssprachlichen Stils. Sie gehört zur normalen Wortbildung und gilt beim Sprechen ebenso wie beim Schreiben. Eine falsche Endung wird zwar oft verstanden, klingt aber deutlich unnatürlich und kann Formen schwerer erkennbar machen.

Achten Sie bei der Aussprache besonders auf ı. Es ist weder deutsches i noch ü. Die Zunge liegt weiter hinten, während die Lippen ungerundet bleiben. Für ü können Deutschsprachige dagegen meist ihre vertraute Aussprache aus Tür nutzen. Türkisches u ähnelt dem deutschen u, türkisches i dem deutschen i in Igel.

Bei Namen und neueren Fremdwörtern richtet sich die Endung grundsätzlich nach der türkischen Aussprache. Für deutsche Ortsnamen sieht man zum Beispiel Berlin'i, Hamburg'u und Köln'ü. Der Apostroph trennt bei Eigennamen die Endung sichtbar vom Namen, ändert aber die Harmonieregel nicht.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Einzelheiten müssen Sie auf A1 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären jedoch Formen, die später scheinbar von der einfachen Tabelle abweichen.

Häufige Fremdwörter können Ausnahmen zeigen

Einige ältere Lehnwörter enthalten am Wortende Konsonanten, die historisch oder in der Aussprache einen vorderen Endungsvokal begünstigen. Deshalb heißt es trotz des geschriebenen a zum Beispiel saat-i → saati „die Uhr“, kalp-i → kalbi „das Herz“ und harf-i → harfi „den Buchstaben“. Solche Wörter bilden eine begrenzte Gruppe. Es ist sinnvoller, die häufigen Formen beim Lesen mitzulernen, als die zuverlässige Grundregel wegen dieser Ausnahmen aufzugeben.

Lautveränderung und Vokalharmonie wirken gleichzeitig

In kitap → kitabı wählt die Harmonie wegen a den Vokal ı. Gleichzeitig wird das p zwischen Vokalen zu b. Ähnlich entstehen ağaç → ağacı und renk → rengi. Die Vokalwahl und die Veränderung des letzten Konsonanten sind zwei getrennte Vorgänge, auch wenn beide in derselben Wortform sichtbar werden.

Nach einer Besitzform können weitere Bindelaute erscheinen

Steht nach einer Besitzendung der dritten Person noch eine Fallendung, erscheint häufig ein verbindendes n: evi „sein/ihr Haus“, aber evini „sein/ihr Haus“ als direktes Objekt und evinde „in seinem/ihrem Haus“. Die Vokale folgen weiterhin der Harmonie; neu ist nur das verbindende n.

-yor ist teilweise fest

In der Verlaufsendung wechselt nur der Vokal vor yor: -ıyor, -iyor, -uyor, -üyor. Der Teil yor selbst bleibt gleich. Weitere harmonische Endungen richten sich dann nach dessen letztem Vokal o: yapıyorum, geliyorum, okuyorum, görüyorum. Daher enden die Formen der ersten Person Singular alle auf -um, obwohl die Verbstämme unterschiedliche Vokale haben.

Übungstipps

  1. Lernen Sie die Regel als vier Wortreihen. Sprechen Sie laut: kapıyı – evi – kutuyu – gözü und danach adım – evim – yolum – gözüm. So verbinden Sie jede Auswahl mit einem hörbaren Muster.
  2. Markieren Sie den letzten Vokal. Nehmen Sie zehn Alltagswörter, unterstreichen Sie jeweils den letzten Vokal und bilden Sie dann den Akkusativ oder „mein …“. Kontrollieren Sie erst danach die Tabelle.
  3. Bauen Sie Wörter schrittweise auf. Schreiben Sie bei mehreren Endungen jeden Zwischenschritt: çocuk → çocuklar → çocuklarım oder göz → gözüm → gözümü. Das verhindert, dass Sie versehentlich nur auf den ursprünglichen Stamm schauen.

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