Häufige idiomatische Wendungen im Irischen
Leaganacha Cainte Coitianta
Dieser Artikel ist Teil des Irisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Viele häufige irische Aussagen werden nicht Wort für Wort wie im Deutschen gebaut. Ein Gefühl „liegt auf“ einer Person (Tá fearg orm), man „zieht Nutzen oder Freude aus“ etwas (Bain úsáid as, Bain sult as) oder „setzt eine Frage auf“ jemanden (Cuir ceist air). Entscheidend ist deshalb, jede Wendung zusammen mit ihrer Präposition und deren Pronomenformen zu lernen.
Überblick
Auf B1-Niveau reicht es nicht mehr, einzelne Wörter zu kennen: Man muss auch wissen, welche Wörter im Irischen gewöhnlich zusammengehören. Solche festen oder halb festen Verbindungen heißen idiomatische Wendungen. Ihre Gesamtbedeutung lässt sich oft nicht zuverlässig aus einer wörtlichen deutschen Übersetzung ableiten. Tá fearg orm bedeutet beispielsweise „Ich bin wütend“, obwohl die irische Struktur wörtlich eher „Wut ist auf mir“ entspricht.
Besonders wichtig sind dabei Präpositionen wie ar („auf, an“) und as („aus“). Stehen sie vor einem Personalpronomen, verschmelzen beide zu einem Präpositionalpronomen (einer einzigen Form aus Präposition und Pronomen): aus ar + mé wird orm, aus as + tú wird asat. Diese Formen tragen oft die Information, die im Deutschen durch das Subjekt, ein Objekt oder ein Possessivwort ausgedrückt wird.
Die folgenden vier Muster gehören zur irischen Alltagssprache: tá + Substantiv + ar + Person für viele Empfindungen und Zustände, bain úsáid as für „benutzen“, bain sult as für „genießen“, cuir ceist ar für „fragen“ sowie tóg go bog é für „Lass es ruhig angehen“. Es handelt sich nicht um eine einzige allgemeine Regel. Jede Wendung verlangt ihre eigene Präposition.
Wie es funktioniert
Zustände mit tá + Substantiv + ar + Person
Ein Substantiv (ein Hauptwort wie „Wut“ oder „Hunger“) bezeichnet den Zustand. Tá sagt, dass dieser Zustand vorhanden ist, und eine Form von ar zeigt, wer ihn erlebt:
Muster: Tá + Zustand + ar + Person.
| Form von ar | Person | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| orm | auf mir | Tá fearg orm. | Ich bin wütend. |
| ort | auf dir | Tá ocras ort. | Du hast Hunger. |
| air | auf ihm | Tá eagla air. | Er hat Angst. |
| uirthi | auf ihr | Tá áthas uirthi. | Sie freut sich. |
| orainn | auf uns | Tá imní orainn. | Wir sind besorgt. |
| oraibh | auf euch/Ihnen | Tá tart oraibh. | Ihr habt/Sie haben Durst. |
| orthu | auf ihnen | Tá náire orthu. | Sie schämen sich. |
Häufige Zustandswörter sind fearg (Wut), ocras (Hunger), tart (Durst), eagla (Angst), áthas (Freude), brón (Traurigkeit), imní (Sorge), náire (Scham) und fuacht (Kältegefühl). Der deutsche Satz wechselt dabei zwischen „sein“, „haben“, „sich fühlen“ und reflexiven Verben. Das irische Grundmuster bleibt gleich.
Für Deutschsprachige ist ein Vergleich hilfreich: Bei „Ich habe Hunger“ wirkt der Zustand wie ein Besitz, bei „Ich bin wütend“ wie eine Eigenschaft. Irisch ordnet beides häufig als einen Zustand ein, der „auf“ der Person liegt. Deshalb lautet es nicht Tá mé fearg und auch nicht Tá fearg agam, sondern Tá fearg orm.
Nicht jede Konstruktion mit tá verwendet jedoch ar. Besitz wird mit ag ausgedrückt: Tá carr agam („Ich habe ein Auto“). Auch Tá a fhios agam („Ich weiß es“) enthält agam. Die Präposition darf also nicht anhand der deutschen Übersetzung geraten werden.
bain úsáid as: etwas benutzen
Die feste Verbindung besteht aus bain („ziehe, nimm heraus“), úsáid („Gebrauch, Nutzung“) und as („aus“):
Muster: bain úsáid as + Sache.
- Bain úsáid as an eochair. — Benutze den Schlüssel.
- Bainim úsáid as an aip gach lá. — Ich benutze die App jeden Tag.
- Bhain siad úsáid as an mbus. — Sie benutzten den Bus.
Nur im Befehl an eine Person steht einfach Bain .... In einem Aussagesatz wird das Verb bain passend zu Zeit und Person gebeugt. Úsáid und as bleiben Bestandteile der Verbindung.
Ist das Bezugswort ein Pronomen, nimmt as eine verschmolzene Form an:
| Form von as | Bedeutung in der Wendung |
|---|---|
| asam | aus mir / mich |
| asat | aus dir / dich |
| as | aus ihm / ihn |
| aisti | aus ihr / sie |
| asainn | aus uns / uns |
| asaibh | aus euch/Ihnen / euch/Sie |
| astu | aus ihnen / sie |
So heißt Bain úsáid as je nach Zusammenhang „Benutze ihn“ oder „Mach davon Gebrauch“. Die Form as ist dabei sowohl die einfache Präposition als auch das Präpositionalpronomen der dritten Person männlich; der Zusammenhang zeigt, welche Funktion gemeint ist.
bain sult as: etwas genießen
Dieses Muster funktioniert grammatisch ähnlich:
Muster: bain sult as + Sache, Ereignis oder Tätigkeit.
Sult bedeutet Freude oder Vergnügen. Eine wörtliche Zerlegung hilft beim Merken, eine wörtliche deutsche Wiedergabe wäre aber unnatürlich. Bain sult as! heißt schlicht „Genieß es!“ oder „Viel Spaß dabei!“
- Bain sult as an deireadh seachtaine! — Genieß das Wochenende!
- Bhain mé an-sult as an gceolchoirm. — Das Konzert hat mir sehr gut gefallen.
- Bainfidh tú sult as. — Du wirst es genießen.
An-sult verstärkt die Aussage: „sehr viel Freude“. Auch hier wird bain nach Zeit und Person verändert, während sult as zusammenbleibt.
cuir ceist ar: jemanden fragen
Cuir bedeutet in seiner Grundbedeutung unter anderem „setzen, stellen, legen“. Mit ceist („Frage“) und ar entsteht die feste Verbindung „jemandem eine Frage stellen“ beziehungsweise „jemanden fragen“:
Muster: cuir ceist ar + Person.
- Cuir ceist air. — Frag ihn.
- Chuir mé ceist uirthi. — Ich fragte sie.
- Cuir ceist ar an múinteoir. — Frag die Lehrkraft.
Die Person steht nach ar, nicht als direktes Objekt (also nicht einfach als Person, auf die die Verbhandlung unmittelbar zielt). Das Thema der Frage kann mit faoi („über“) ergänzt werden: Chuir mé ceist air faoin obair — „Ich fragte ihn nach der Arbeit.“
| Form von ar | Person nach cuir ceist |
|---|---|
| orm | mich |
| ort | dich |
| air | ihn |
| uirthi | sie |
| orainn | uns |
| oraibh | euch/Sie |
| orthu | sie |
Ob dieselbe Form einen Zustandsträger oder die befragte Person bezeichnet, erkennt man an der ganzen Wendung: Tá imní air („Er ist besorgt“) gegenüber Cuir ceist air („Frag ihn“).
tóg go bog é: es ruhig angehen lassen
Tóg ist die Befehlsform von tóg („nimm, hebe, bringe“), go bog bedeutet hier „sanft, gemächlich“, und é heißt „ihn/es“:
Muster: Tóg go bog é. — Lass es ruhig angehen. / Mach langsam.
Die Wendung kann ein freundlicher Rat beim Abschied, nach einer anstrengenden Situation oder gegenüber einer gestressten Person sein. Sie ist nicht als Anweisung zu verstehen, einen männlichen Gegenstand buchstäblich sanft hochzuheben. Gerade diese Gesamtbedeutung macht sie idiomatisch.
Beispiele im Zusammenhang
| Irisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Tá fearg orm mar gheall air sin. | Deswegen bin ich wütend. | Zustand mit ar |
| An bhfuil ocras ort fós? | Hast du immer noch Hunger? | Frageform des Zustandsmusters |
| Bhí eagla uirthi roimh an madra. | Sie hatte Angst vor dem Hund. | Zustand in der Vergangenheit |
| Beidh áthas orthu tú a fheiceáil. | Sie werden sich freuen, dich zu sehen. | Zustand in der Zukunft |
| Tá náire orainn faoin mbotún. | Wir schämen uns für den Fehler. | faoi ergänzt den Grund |
| Bain úsáid as an bhfoclóir más gá. | Benutze das Wörterbuch, falls nötig. | Aufforderung mit bain úsáid as |
| Bainimid úsáid as an traein de ghnáth. | Normalerweise fahren wir mit dem Zug. | Natürliches Deutsch statt Wort-für-Wort-Übersetzung |
| Níor bhain sé úsáid as an deis. | Er nutzte die Gelegenheit nicht. | Vergangenheitsform in der Verneinung |
| Bain sult as do shaoire! | Genieß deinen Urlaub! | Häufiger guter Wunsch |
| Bhain na páistí an-sult as an turas. | Die Kinder hatten großen Spaß an dem Ausflug. | Verstärkung durch an-sult |
| Cuir ceist uirthi faoin gcruinniú. | Frag sie nach der Besprechung. | Person mit ar, Thema mit faoi |
| Chuir sé ceist orm nach raibh mé ag súil léi. | Er stellte mir eine Frage, mit der ich nicht gerechnet hatte. | orm bezeichnet die befragte Person |
| Tá tú ag obair róchrua; tóg go bog é inniu. | Du arbeitest zu viel; lass es heute ruhig angehen. | Freundlicher Rat |
Häufige Fehler
Den Zustand wie ein deutsches Adjektiv bauen
- Falsch: Tá mé fearg.
- Richtig: Tá fearg orm.
- Warum: Fearg ist hier ein Substantiv, kein Adjektiv. Die Person wird mit der passenden Form von ar angegeben.
Bei allen tá-Wendungen agam einsetzen
- Falsch: Tá ocras agam.
- Richtig: Tá ocras orm.
- Warum: Agam gehört zu ag und dient häufig dem Besitz: Tá leabhar agam. Empfindungen wie Hunger und Wut werden in diesen festen Wendungen mit ar gebildet.
Die Grundform der Präposition vor ein Pronomen setzen
- Falsch: Cuir ceist ar sé.
- Richtig: Cuir ceist air.
- Warum: Präposition und Pronomen verschmelzen. Für „auf/an ihn“ lautet die Form air; ar sé ist keine korrekte Verbindung.
Bei bain úsáid die Präposition auslassen
- Falsch: Bain úsáid an ríomhaire.
- Richtig: Bain úsáid as an ríomhaire.
- Warum: As ist ein fester Teil der Wendung. Das deutsche Verb „benutzen“ enthält keinen sichtbaren Hinweis darauf, deshalb muss die Präposition mitgelernt werden.
cuir ceist Wort für Wort nach deutschem Satzbau ergänzen
- Falsch: Cuir ceist é.
- Richtig: Cuir ceist air.
- Warum: Die befragte Person folgt auf ar. Für „sie fragen“ heißt es entsprechend ceist a chur uirthi beziehungsweise als Aufforderung Cuir ceist uirthi.
Bain in jedem Satz unverändert lassen
- Falsch: Inné, bain mé sult as an scannán.
- Richtig: Inné, bhain mé sult as an scannán.
- Warum: Bain ist im Grundmuster und in der Aufforderung sichtbar, das Verb wird aber nach Zeit und Satzart gebeugt. Inné („gestern“) verlangt hier die Vergangenheitsform bhain.
Hinweise zum Gebrauch
Bain sult as! ist eine natürliche, freundliche Aufforderung. Je nach Situation kann sie im Deutschen „Viel Spaß!“, „Genieß es!“ oder „Lass es dir gut gehen!“ entsprechen. Eine einzige feste deutsche Übersetzung passt daher nicht immer. Dasselbe gilt für tóg go bog é: Tonfall und Situation entscheiden, ob eher „Mach langsam“, „Schon dich“ oder „Lass es ruhig angehen“ gemeint ist.
Die Zustandskonstruktionen sind produktiv, aber nicht beliebig. Man kann nicht jedes deutsche Adjektiv durch ein irisches Substantiv plus orm ersetzen. Am sichersten ist es, häufige Einheiten als Ganzes zu speichern: ocras orm, eagla orm, áthas orm. Dabei sollte die Form für „mich“ nicht als einziges festes Wort gelernt werden; sonst fällt der Wechsel zu ort, uirthi oder orthu unnötig schwer.
In echten Texten verändern Tempus und Satzart den Anfang der Konstruktion: Tá ocras orm (jetzt), Bhí ocras orm (damals), Beidh ocras orm (später), Níl ocras orm (Verneinung) und An bhfuil ocras ort? (Frage). Die Präpositionalform bleibt von diesem Wechsel unberührt.
Bei einem Substantiv nach einer Präposition können außerdem Anlautveränderungen auftreten, etwa as an bhfoclóir oder faoin gcruinniú. Welche Veränderung nötig ist, hängt von Präposition, Artikel, Laut und teils von der Sprachvariante ab. Das ist eine eigene Regelgruppe; für die hier behandelten Wendungen ist zunächst wichtig, die richtige Präposition nicht wegzulassen.
Über die Grundlagen hinaus
Mehrere Präpositionalverbindungen können in einem Satz verschiedene Rollen übernehmen. In Tá áthas orm faoin toradh bezeichnet orm die Person mit dem Gefühl, während faoin toradh („über das Ergebnis“) den Anlass nennt. In Chuir sí ceist orm faoin gcúrsa markiert orm die befragte Person und faoin gcúrsa das Thema. Solche Ketten wirken zunächst dicht, sind aber regelmäßig, sobald jede Verbindung als eigene Einheit erkannt wird.
Auch der Infinitiv wird im Irischen häufig als Verbalsubstantiv ausgedrückt (eine Verbform, die sich ähnlich wie ein Hauptwort verhält). Deshalb begegnet man den Wendungen außerhalb vollständiger Sätze etwa als úsáid a bhaint as („etwas benutzen“) und ceist a chur ar dhuine („jemandem eine Frage stellen“). Das vorangestellte a und die veränderte Wortstellung gehören zu dieser Grundform. Im Wörterbuch oder nach anderen Verben sieht man daher nicht immer genau die Reihenfolge der Aufforderung Bain úsáid as ... oder Cuir ceist ar ....
Fortgeschrittene Lernende sollten außerdem auf natürliche deutsche Entsprechungen achten. Bhain mé sult as an leabhar ist nicht nur „Ich genoss das Buch“, sondern kann je nach Stil besser mit „Das Buch hat mir gefallen“ wiedergegeben werden. Bainimid úsáid as an traein kann idiomatisch „Wir fahren mit dem Zug“ heißen. Eine gute Übersetzung bildet die Aussage ab, nicht die einzelnen Bausteine.
Lerntipps
- Lerne Dreiergruppen statt Einzelwörter. Notiere nicht nur fearg, sondern Tá fearg orm – Tá fearg ort – Tá fearg uirthi. So wird die wechselnde Personenform von Anfang an sichtbar.
- Markiere die Präposition farbig. Schreibe beispielsweise bain úsáid as und cuir ceist ar. Bilde danach je drei Sätze mit einem Substantiv und einem Präpositionalpronomen.
- Übe Zeitwechsel mit demselben Inhalt. Verwandle Tá ocras orm in Bhí ocras orm, Beidh ocras orm, Níl ocras orm und An bhfuil ocras ort?. Damit trainierst du die Wendung, ohne gleichzeitig neues Vokabular bewältigen zu müssen.
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