C1

Verbale Umschreibungen im Spanischen

Perífrasis Verbales

Dieser Artikel ist Teil des Spanisch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Spanische Verbalperiphrasen verbinden ein gebeugtes Verb mit einem Infinitiv und stellen eine Handlung aus einer bestimmten Perspektive dar: als Wiederholung, Ende, unmittelbare Vergangenheit, plötzlichen Beginn, Vermutung oder erreichtes Ergebnis. Gebeugt wird nur das erste Verb: Volvió a llamar bedeutet „Er rief wieder an“, Dejó de fumar „Er hörte mit dem Rauchen auf“.

Überblick

Eine verbale Umschreibung besteht aus mehreren Wörtern, funktioniert inhaltlich aber weitgehend wie eine einzige Verbform. Das erste Verb trägt Person, Zahl, Zeit und Modus; der Infinitiv (die Grundform des Verbs wie llamar oder salir) bezeichnet die eigentliche Handlung. Dazwischen steht je nach Konstruktion a, de oder gar keine Präposition. Diese kleinen Verbindungswörter gehören fest zur jeweiligen Umschreibung.

Auf C1-Niveau geht es nicht mehr nur darum, die Formen zu erkennen. Entscheidend ist, welche Sicht auf den Ablauf eine Konstruktion eröffnet. Llamó berichtet lediglich einen Anruf. Volvió a llamar kennzeichnet ihn als Wiederholung, dejó de llamar als Ende einer bisherigen Tätigkeit und acababa de llamar als etwas, das unmittelbar zuvor geschehen war. Solche Unterschiede sind in Gesprächen, Nachrichten, Erzählungen und argumentativen Texten sehr häufig.

Für Deutschsprachige sind die Bedeutungen meist gut zugänglich, weil es Entsprechungen wie „wieder“, „aufhören zu“, „gerade erst“ oder „wohl müssen“ gibt. Die spanische Form darf daraus jedoch nicht Wort für Wort abgeleitet werden. Besonders wichtig sind die feste Präposition, die Zeitform des ersten Verbs und der Unterschied zwischen deber und deber de.

So funktioniert es

Der gemeinsame Bauplan

Der grundlegende Bauplan lautet:

gebeugtes Verb + gegebenenfalls Präposition + Infinitiv

Konstruktion Perspektive auf die Handlung Typische deutsche Wiedergabe
volver a + Infinitiv Wiederholung wieder, erneut
dejar de + Infinitiv Ende oder Unterbleiben aufhören zu, nicht mehr
acabar de + Infinitiv unmittelbar vorausgehendes Ereignis gerade (erst) getan haben
ponerse a + Infinitiv plötzlicher oder markanter Beginn anfangen, sich daranmachen
deber de + Infinitiv Wahrscheinlichkeit, Schlussfolgerung wohl, vermutlich, muss wohl
llegar a + Infinitiv erreichter Endpunkt oder äußerste Steigerung schließlich schaffen, dazu kommen, sogar so weit gehen

Nur das erste Verb wird gebeugt:

  • Vuelvo a intentarlo. — Ich versuche es noch einmal.
  • Volvieron a intentarlo. — Sie versuchten es noch einmal.
  • Volveremos a intentarlo. — Wir werden es noch einmal versuchen.

Auch zusammengesetzte Zeiten und Modi sind möglich: ha dejado de llover, había acabado de comer, puede que vuelva a ocurrir. Der Infinitiv bleibt dabei unverändert.

volver a + Infinitiv: eine Handlung wiederholen

Volver bedeutet allein „zurückkehren“. Mit a + Infinitiv bezeichnet es dagegen nicht unbedingt eine räumliche Rückkehr, sondern die erneute Ausführung einer Handlung:

  • Volvió a llamar a las diez. — Er rief um zehn wieder an.
  • No volveré a cometer ese error. — Ich werde diesen Fehler nicht noch einmal machen.

Die Konstruktion entspricht oft dem deutschen „wieder + Verb“. Sie sagt lediglich, dass Vergleichbares schon einmal geschehen ist. Ob die Wiederholung beabsichtigt, erwünscht oder erfolgreich war, ergibt sich erst aus dem Zusammenhang.

dejar de + Infinitiv: aufhören oder etwas nicht mehr tun

Dejar de setzt eine Handlung oder einen Zustand als bisher bestehend voraus und markiert dessen Ende:

  • Dejó de fumar hace dos años. — Er hörte vor zwei Jahren mit dem Rauchen auf.
  • La máquina ha dejado de funcionar. — Die Maschine funktioniert nicht mehr.

Mit Verneinung bedeutet no dejar de + Infinitiv häufig „nicht aufhören zu“ oder, besonders in Aufforderungen, „unbedingt tun“:

  • No dejó de hablar en toda la cena. — Er hörte während des ganzen Abendessens nicht auf zu reden.
  • No dejes de escribirme. — Schreib mir unbedingt / Hör nicht auf, mir zu schreiben.

Die zweite Übersetzung zeigt, dass eine formal negative spanische Konstruktion im Deutschen durchaus als positive, nachdrückliche Bitte erscheinen kann.

acabar de + Infinitiv: gerade erst geschehen

Im Präsens verweist acabar de auf ein Ereignis in der unmittelbaren Vergangenheit:

  • Acabamos de llegar. — Wir sind gerade angekommen.
  • El tren acaba de salir. — Der Zug ist gerade abgefahren.

Das Spanische verwendet hier also ein Verb im Präsens (acaba, acabamos), während im Deutschen gewöhnlich Perfekt oder Präteritum steht. Die Zeitform von acabar richtet den Bezugspunkt aus. Im Imperfekt bedeutet die Konstruktion „hatte gerade …“:

  • Acababa de dormirme cuando sonó el teléfono. — Ich war gerade eingeschlafen, als das Telefon klingelte.

Acabar de ist nicht mit terminar de gleichzusetzen. Terminé de leer el informe heißt „Ich las den Bericht zu Ende“; Acabo de leer el informe heißt „Ich habe den Bericht gerade gelesen“.

ponerse a + Infinitiv: ein plötzlicher Beginn

Das rückbezügliche Verb ponerse — mit me, te, se, nos, os, se — hebt den Eintritt in eine Tätigkeit hervor. Oft beginnt sie plötzlich, spontan oder nach einem erkennbaren Umschwung:

  • Al oír la noticia, se puso a llorar. — Als sie die Nachricht hörte, fing sie an zu weinen.
  • Nos pusimos a ordenar el despacho. — Wir machten uns daran, das Büro aufzuräumen.

Für neutrale Pläne ist empezar a häufig passender: Empiezo a trabajar el lunes („Ich fange am Montag an zu arbeiten“). Me pongo a trabajar el lunes kann dagegen so klingen, als mache man sich an diesem Tag konkret ans Werk.

deber de + Infinitiv: eine Vermutung ausdrücken

In der für Lernende nützlichen Standardunterscheidung bezeichnet deber + Infinitiv eine Pflicht, deber de + Infinitiv dagegen eine wahrscheinliche Schlussfolgerung:

  • Debes entregar el formulario hoy. — Du musst das Formular heute abgeben.
  • Debe de estar en casa. — Er ist wohl zu Hause.

Die Vermutung kann sich auf verschiedene Zeiten beziehen:

  • Debían de ser las once. — Es muss wohl elf Uhr gewesen sein.
  • Debe de haber olvidado la cita. — Er hat den Termin wohl vergessen.

Im tatsächlichen Sprachgebrauch wird de bei Vermutungen oft weggelassen. Debe estar en casa kann daher ebenfalls „Er ist wohl zu Hause“ bedeuten. Für eine klare eigene Ausdrucksweise ist es dennoch sinnvoll, deber de gezielt für Wahrscheinlichkeit und deber für Verpflichtung zu verwenden. Deber de sollte in sorgfältiger Standardsprache nicht als Kennzeichnung einer Pflicht gebraucht werden.

llegar a + Infinitiv: einen Endpunkt erreichen

Diese Konstruktion stellt das Ergebnis eines längeren Weges, einer Entwicklung oder einer Steigerung heraus:

  • Después de varios intentos, llegó a resolver el problema. — Nach mehreren Versuchen gelang es ihm schließlich, das Problem zu lösen.
  • Llegó a acusar a sus propios colegas. — Er ging sogar so weit, seine eigenen Kollegen zu beschuldigen.

Die Bedeutung ist breiter als das deutsche „schaffen“. Bei llegó a decir que todo era culpa nuestra geht es nicht um eine Leistung, sondern um einen äußersten Punkt: „Er behauptete sogar, alles sei unsere Schuld.“ In der Verneinung bleibt der Endpunkt unerreicht: No llegó a comprenderlo heißt „Er verstand es letztlich nicht / kam nicht dazu, es zu verstehen“.

Beispiele im Kontext

Spanisch Deutsch Hinweis
Volvió a llamar media hora después. Eine halbe Stunde später rief er wieder an. Wiederholung
Si falla, volveremos a intentarlo mañana. Wenn es scheitert, versuchen wir es morgen noch einmal. Wiederholung in der Zukunft
Dejó de fumar al nacer su hija. Als seine Tochter geboren wurde, hörte er mit dem Rauchen auf. Ende einer Gewohnheit
El ruido dejó de molestarme con el tiempo. Mit der Zeit störte mich der Lärm nicht mehr. Ende eines Zustands
No dejes de avisarme si cambia algo. Sag mir unbedingt Bescheid, falls sich etwas ändert. Nachdrückliche Bitte
Acabamos de llegar; aún no hemos deshecho las maletas. Wir sind gerade angekommen; wir haben die Koffer noch nicht ausgepackt. Unmittelbare Vergangenheit
Acababa de cerrar la puerta cuando oyó un golpe. Sie hatte gerade die Tür geschlossen, als sie einen Schlag hörte. Bezugspunkt in der Vergangenheit
Al ver el resultado, se puso a reír. Als er das Ergebnis sah, fing er an zu lachen. Plötzlicher Beginn
Después del café, nos pusimos a trabajar. Nach dem Kaffee machten wir uns an die Arbeit. Gezielter Tätigkeitsbeginn
Debe de estar en casa porque hay luz. Er ist wohl zu Hause, denn das Licht brennt. Schlussfolgerung aus einem Anzeichen
Debieron de perder el último tren. Sie haben wohl den letzten Zug verpasst. Vermutung über Vergangenes
Con mucha práctica, llegó a hablar con soltura. Mit viel Übung gelang es ihr schließlich, flüssig zu sprechen. Erreichtes Ergebnis
Nunca llegó a aceptar la decisión. Er konnte die Entscheidung letztlich nie akzeptieren. Unerreichter Endpunkt
El debate llegó a durar más de cinco horas. Die Debatte dauerte schließlich mehr als fünf Stunden. Unerwartetes Ausmaß

Häufige Fehler

Die feste Präposition weglassen oder vertauschen

  • Falsch: Volvió llamar. / Dejó a fumar.
  • Richtig: Volvió a llamar. / Dejó de fumar.
  • Warum: Die Präposition ist Bestandteil der jeweiligen Konstruktion. Am besten wird die gesamte Einheit volver a, dejar de oder acabar de gelernt.

Nach der Präposition eine gebeugte Form verwenden

  • Falsch: Se puso a lloró.
  • Richtig: Se puso a llorar.
  • Warum: Person und Zeit stehen im ersten Verb; nach a oder de folgt hier immer der Infinitiv.

acabar de mit „zu Ende bringen“ verwechseln

  • Falsch gemeint: Acabo de leer el libro für „Ich lese das Buch zu Ende“.
  • Richtig: Termino de leer el libro oder acabo el libro für das Beenden; acabo de leerlo für „Ich habe es gerade gelesen“.
  • Warum: acabar de + Infinitiv bezeichnet den kurzen zeitlichen Abstand zum vollendeten Ereignis, nicht dessen letzten Abschnitt.

Bei ponerse das rückbezügliche Pronomen vergessen

  • Falsch: Puso a llorar.
  • Richtig: Se puso a llorar.
  • Warum: Die Konstruktion lautet ponerse a + Infinitiv. Das Pronomen richtet sich nach dem Subjekt: me puse, te pusiste, se puso, nos pusimos.

Pflicht und Vermutung nicht unterscheiden

  • Missverständlich: Debes de llamar al médico für eine klare Verpflichtung.
  • Eindeutig: Debes llamar al médico. — Du musst den Arzt anrufen.
  • Vermutung: Debe de estar llamando al médico. — Er ruft wohl gerade den Arzt an.
  • Warum: Obwohl der Alltagsgebrauch schwankt, sorgt die Standardunterscheidung für Klarheit.

llegar a immer mit „können“ übersetzen

  • Zu pauschal: Llegó a insultarme = „Er konnte mich beleidigen.“
  • Passend: Llegó a insultarme = „Er ging so weit, mich zu beleidigen.“
  • Warum: llegar a kann eine Leistung ausdrücken, aber ebenso eine überraschende Steigerung oder einen äußersten Punkt.

Gebrauchshinweise

Zeitform und Erzählperspektive

Die Bedeutung der Umschreibung bleibt erhalten, doch die Zeitform des ersten Verbs legt den Betrachtungszeitpunkt fest. Vuelve a llamar beschreibt eine gegenwärtige Wiederholung oder eine Aufforderung, volvió a llamar eine abgeschlossene Wiederholung und había vuelto a llamar eine Wiederholung vor einem anderen vergangenen Ereignis. Bei acabar de ist dieser Unterschied besonders sichtbar: acaba de salir („ist gerade gegangen“) gegenüber acababa de salir („war gerade gegangen“).

Verneinung und Bedeutungsbereich

Normalerweise steht no vor der gesamten Verbalgruppe: No volvió a llamar („Er rief nicht wieder an“), No dejó de trabajar („Er hörte nicht auf zu arbeiten“), No llegó a terminarlo („Er schaffte es letztlich nicht, es fertigzustellen“). Die Kombination volver a no + Infinitiv ist ebenfalls möglich, wenn gerade das Nichtgeschehen wiederholt wird: Volvió a no presentarse — „Er erschien wieder nicht.“ Diese Stellung ist markiert, aber semantisch sehr präzise.

Objektpronomen

Unbetonte Objektpronomen wie lo, la, me können bei vielen Infinitivgruppen vor dem gebeugten Verb oder am Infinitiv stehen:

  • Lo volvió a explicar. / Volvió a explicarlo. — Er erklärte es noch einmal.
  • Lo dejó de usar. / Dejó de usarlo. — Sie benutzte es nicht mehr.

Bei ponerse gehört das erste Pronomen jedoch zu ponerse: Me puse a explicárselo („Ich begann, es ihm zu erklären“). Die Akzentschreibung kann sich ändern, wenn Pronomen an den Infinitiv angehängt werden, etwa explicárselo.

Register und Häufigkeit

Alle sechs Konstruktionen gehören zur heutigen Standardsprache. Volver a, dejar de und acabar de sind auch im Alltag äußerst häufig. Llegar a und die klare Unterscheidung zwischen deber und deber de sind besonders nützlich in differenzierten Erzählungen und Argumentationen. Die deutsche Übersetzung sollte dabei nicht starr bleiben: Je nach Zusammenhang kann dieselbe Konstruktion mit einem Adverb, einem anderen Verb oder einer ganzen Wendung wiedergegeben werden.

Für Fortgeschrittene

Verwandte Beginn- und Abschlusskonstruktionen

Spanisch verfügt über weitere Periphrasen, die den Beginn oder Abschluss genauer abstufen:

Konstruktion Typischer Wert Beispiel und Bedeutung
empezar/comenzar a + Infinitiv neutraler Beginn Empezó a llover. — Es begann zu regnen.
echarse a + Infinitiv plötzlicher Beginn, oft bei reír, llorar, correr Echó a correr. — Er rannte plötzlich los.
romper a + Infinitiv jäher Ausbruch, begrenzte Verbauswahl Rompió a llorar. — Sie brach in Tränen aus.
terminar de + Infinitiv eine Tätigkeit zu Ende führen Terminó de escribir. — Sie schrieb zu Ende.
acabar por + Infinitiv Endergebnis nach einem Prozess Acabó por aceptar. — Schließlich akzeptierte er es doch.

Damit lässt sich derselbe Sachverhalt unterschiedlich rahmen. Empezó a llorar ist neutral, se puso a llorar hebt den Eintritt in die Handlung hervor, und rompió a llorar stellt den plötzlichen emotionalen Ausbruch in den Vordergrund.

no acabar de + Infinitiv

Außerhalb der zeitlichen Bedeutung kann die verneinte Form ausdrücken, dass etwas nicht vollständig gelingt oder innerlich nicht überzeugt:

  • No acabo de entender la propuesta. — Ich verstehe den Vorschlag noch nicht ganz.
  • La explicación no acaba de convencerme. — Die Erklärung überzeugt mich nicht so recht.

Hier wäre „gerade nicht“ falsch. Gemeint ist eine unvollständige Annäherung an Verstehen, Überzeugen oder Funktionieren. Diese idiomatische Verwendung ist in vorsichtig formulierten Einwänden sehr nützlich.

Periphrase oder freie Wortverbindung?

Nicht jede Folge aus Verb und Infinitiv bildet im gleichen Maß eine feste grammatische Einheit. Ein praktischer Hinweis ist der Bedeutungswandel des ersten Verbs. In volvió a Madrid para trabajar behält volvió seine räumliche Bedeutung: „Er kehrte nach Madrid zurück, um zu arbeiten.“ In volvió a trabajar bezeichnet volver a dagegen die Wiederaufnahme oder Wiederholung des Arbeitens. Kontext und Satzbau entscheiden also, ob tatsächlich eine Periphrase vorliegt.

Übungstipps

  1. Lerne Bedeutungskontraste statt Einzelübersetzungen. Nimm einen einfachen Satz wie Ana llamó und forme ihn um: volvió a llamar, dejó de llamar, acaba de llamar, se puso a llamar. Notiere jeweils, wie sich die Perspektive verändert.
  2. Baue eine Zeitachse. Setze besonders acabar de und volver a ins Präsens, Indefinido, Imperfekt und Plusquamperfekt. So wird deutlich, dass nur das erste Verb die zeitliche Einordnung übernimmt.
  3. Suche beim Hören nach den Verbindungswörtern. Achte in Nachrichten oder Gesprächen bewusst auf a und de. Halte die vollständige Gruppe fest, nicht nur das erste Verb: also dejó de funcionar statt bloß dejó.

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