C1

Altgriechische Relikte im modernen Griechisch

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Kurz gesagt

Im heutigen Griechisch leben altgriechische Formen vor allem in festen Wendungen weiter, etwa εν πάση περιπτώσει „jedenfalls“, εκ νέου „erneut“ und δόξα τω Θεώ „Gott sei Dank“. Viele enthalten einen alten Dativ, den das Neugriechische sonst nicht mehr als lebendigen Kasus verwendet. Man lernt diese Ausdrücke deshalb am besten als ganze Bausteine und nicht als Muster, mit denen sich beliebig neue Formen bilden lassen.

Überblick

Das Neugriechische ist keine unveränderte Fortsetzung des Altgriechischen. Lautsystem, Formenlehre und Satzbau haben sich über viele Jahrhunderte gewandelt. Dennoch begegnen einem im Alltag, in den Nachrichten, in amtlichen Schreiben und in gehobener Sprache zahlreiche ältere Wörter und Formen. Solche Sprachrelikte sind Bestandteile eines früheren Sprachzustands, die in bestimmten Ausdrücken erhalten geblieben sind.

Besonders auffällig ist der alte Dativ (ein Fall, der unter anderem Empfänger, Mittel oder Umstand bezeichnete). Im normalen Neugriechisch wird seine Funktion meist durch Präpositionen wie σε mit Akkusativ oder durch andere Konstruktionen ausgedrückt. In Wendungen wie εν πάση περιπτώσει oder τω όντι ist der Dativ dagegen erstarrt. Wer nur die moderne Formenlehre kennt, kann diese Endungen daher nicht ohne Weiteres analysieren.

Auf Niveau C1 geht es nicht darum, Altgriechisch vollständig zu deklinieren. Wichtiger sind drei Fähigkeiten: häufige Wendungen sofort zu erkennen, ihren Stilwert einzuschätzen und sie korrekt als feste Einheit zu verwenden. Für Deutschsprachige ist der Grundgedanke nicht ganz fremd: Auch Ausdrücke wie „zu Hause“ oder „im Großen und Ganzen“ bewahren ältere oder feste Formen. Im Griechischen sind solche Relikte jedoch besonders sichtbar und oft ein Kennzeichen formeller Ausdrucksweise.

Funktionsweise

Der erstarrte Dativ

Ein Kasus ist eine Form, die die Aufgabe eines Nomens oder Adjektivs im Satz anzeigt. Das moderne Griechisch hat im produktiven Sprachgebrauch Nominativ, Genitiv, Akkusativ und Vokativ; der alte Dativ gehört nicht mehr zum regulären System. Einzelne Dativformen bleiben aber in überlieferten Wortgruppen erhalten.

Typische Endungen sind -ῃ/-ει bei älteren femininen Formen und -ῳ/-ω bei maskulinen oder neutralen Formen. In der heute üblichen monotonischen Rechtschreibung werden weder Spiritus noch Iota subscriptum geschrieben. Deshalb sieht man beispielsweise περιπτώσει, γνώσει, Θεώ und τω. Diese Formen sind nicht mit den entsprechenden modernen Kasusformen gleichzusetzen.

Feste Form Erkennbares Relikt Moderne Umschreibung Bedeutung
εν πάση περιπτώσει Dativ von πάσα περίπτωση σε κάθε περίπτωση jedenfalls, auf jeden Fall
εν γνώσει του Dativ von γνώση με τη γνώση του mit seinem Wissen
εν αγνοία της Dativ von άγνοια χωρίς να το γνωρίζει ohne ihr Wissen
εν τω μεταξύ τω als alter Dativ des Artikels στο μεταξύ inzwischen, unterdessen
δόξα τω Θεώ Dativ in τω Θεώ sinngemäß ευτυχώς Gott sei Dank
τοις μετρητοίς erstarrter Dativ Plural με μετρητά bar, gegen Barzahlung

Die Präposition εν bedeutete in älteren Sprachstufen ungefähr „in“ und verlangte den Dativ. Heute ist sie außerhalb fester oder neu gebildeter gelehrter Verbindungen nicht frei verwendbar. Man kann also εν πάση περιπτώσει sagen, aber nicht einfach jedes moderne σε + Akkusativ durch εν + Dativ ersetzen.

Gelehrte Präpositionen und feste Kasusverbindungen

Nicht jedes altgriechische Relikt enthält einen Dativ. Häufig sind auch ältere Präpositionen mit einem festgelegten Kasus. εκ beziehungsweise εξ steht traditionell mit dem Genitiv (dem Fall, der hier Herkunft oder Ausgangspunkt ausdrückt). εξ erscheint vor einem folgenden Vokal, εκ gewöhnlich vor einem Konsonanten:

  • εκ νέου – erneut, von Neuem
  • εκ των προτέρων – im Voraus
  • εξ ολοκλήρου – vollständig, gänzlich
  • εξ αρχής – von Anfang an
  • εξ απροόπτου – unerwartet

Diese Verbindungen sind im formellen Neugriechisch sehr geläufig. Einige, insbesondere εκ νέου und εκ των προτέρων, hört man auch in neutralen Gesprächen. Trotzdem wirken sie meist gehobener als ξανά, πριν oder eine andere alltägliche Umschreibung.

Weitere ältere Präpositionen und nachgestellte Elemente sind vor allem in Verwaltung, Recht und gehobener Schriftsprache üblich:

Form Verbindung Bedeutung und Gebrauch
άνευ άνευ όρων ohne Bedingungen; deutlich formell
προ προ πολλού vor langer Zeit
χάριν παραδείγματος χάριν beispielsweise; χάριν steht nach dem Bezugswort
επί επί λέξει wörtlich, Wort für Wort
διά διά παντός für immer; gehoben oder formelhaft

Die innere Form bleibt unverändert

Eine feste Wendung verhält sich häufig wie ein einziges Adverb: Sie beschreibt also beispielsweise, wie, wann oder unter welchen Umständen etwas geschieht. Ihre Bestandteile werden dabei normalerweise nicht an den übrigen Satz angepasst.

  • Το ζήτημα θα εξεταστεί εκ νέου. – Die Angelegenheit wird erneut geprüft.
  • Ήταν εν γνώσει των κινδύνων. – Er/Sie war sich der Risiken bewusst.
  • Πληρώσαμε τοις μετρητοίς. – Wir bezahlten bar.

Nur die Teile, die ausdrücklich eine Person oder Sache bezeichnen, können wechseln. Bei εν γνώσει του / της / τους verändert sich das angehängte Possessivelement: του „sein/dessen“, της „ihr/deren“, τους „ihr/deren“ im Plural. Die alte Form γνώσει bleibt unverändert.

Zusammenschreibung und Varianten

Einige ursprünglich mehrteilige Ausdrücke sind im heutigen Gebrauch zu einem Wort geworden. Das wichtigste Beispiel ist εντάξει „in Ordnung, okay“. Die moderne Standardschreibung ist im gewöhnlichen Gebrauch εντάξει. Die historische Analyse εν τάξει erklärt zwar die Herkunft, ist aber keine Einladung, das Alltagswort grundsätzlich getrennt zu schreiben.

Daneben können eine gelehrte und eine alltägliche Variante nebeneinanderstehen:

Gelehrter oder fester Ausdruck Alltäglichere Entsprechung Stilunterschied
εν πάση περιπτώσει σε κάθε περίπτωση / πάντως formeller, oft gliedernd
εκ νέου ξανά sachlicher, häufig in Nachrichten
εν συνεχεία στη συνέχεια / μετά amtlich oder gehoben
εν αγνοία του χωρίς να το ξέρει kompakt und formell
εξ ολοκλήρου εντελώς / ολόκληρος nachdrücklicher, schriftsprachlich
τοις μετρητοίς με μετρητά feste Geschäfts- und Zahlungsformel

Beispiele im Kontext

Griechisch Deutsch Hinweis
Εν πάση περιπτώσει, πρέπει να απαντήσουμε σήμερα. Jedenfalls müssen wir heute antworten. Leitet eine Schlussfolgerung oder Rückkehr zum Thema ein.
Η αίτηση θα εξεταστεί εκ νέου. Der Antrag wird erneut geprüft. Typisch für Verwaltung und Nachrichten.
Είχε ενεργήσει εν γνώσει των συνεπειών. Er/Sie hatte im Wissen um die Folgen gehandelt. εν γνώσει kann eine Genitivergänzung erhalten.
Η απόφαση ελήφθη εν αγνοία του. Die Entscheidung wurde ohne sein Wissen getroffen. Das Gegenteil von εν γνώσει του.
Δόξα τω Θεώ, όλοι γύρισαν ασφαλείς. Gott sei Dank sind alle sicher zurückgekehrt. Häufig auch ohne stark religiöse Aussageabsicht.
Εν τω μεταξύ, οι τιμές είχαν αυξηθεί. Inzwischen waren die Preise gestiegen. Die alltägliche Form στο μεταξύ ist ebenfalls sehr häufig.
Θα πρέπει να πληρώσετε τοις μετρητοίς. Sie müssen bar bezahlen. Feste Zahlungsangabe.
Η υπηρεσία παρέχεται άνευ χρέωσης. Die Dienstleistung wird unentgeltlich angeboten. Deutlich formeller als χωρίς χρέωση.
Μας ενημέρωσαν εκ των προτέρων για την αλλαγή. Man informierte uns im Voraus über die Änderung. Sehr gebräuchliche feste Verbindung.
Το κτίριο ανακαινίστηκε εξ ολοκλήρου. Das Gebäude wurde vollständig renoviert. Unterstreicht die Vollständigkeit.
Το σχέδιο άλλαξε εξ απροόπτου. Der Plan änderte sich unerwartet. Gehobener als ξαφνικά.
Επανέλαβε επί λέξει όσα είχε ακούσει. Er/Sie wiederholte Wort für Wort, was er/sie gehört hatte. Bedeutet eine genaue, wörtliche Wiedergabe.
Η συμφωνία ισχύει διά παντός. Die Vereinbarung gilt für immer. Feierlich oder juristisch klingend.
Παραδείγματος χάριν, μπορούμε να μειώσουμε τα έξοδα. Beispielsweise können wir die Ausgaben senken. Gelehrte Alternative zu για παράδειγμα.
Εν ολίγοις, η πρόταση απορρίφθηκε. Kurz gesagt wurde der Vorschlag abgelehnt. Dient der Zusammenfassung.

Häufige Fehler

1. Den alten Dativ frei weiterbilden

  • Falsch: εν κάθε περιπτώσει
  • Richtig: εν πάση περιπτώσει oder σε κάθε περίπτωση
  • Warum: Die erste Variante ist eine vollständig feste Wendung. Das moderne κάθε lässt sich darin nicht einfach an die Stelle von πάση setzen.

2. Nach deutschem Vorbild einen Artikel ergänzen

  • Falsch: εκ του νέου im Sinn von „erneut“
  • Richtig: εκ νέου
  • Warum: Deutsch sagt „von Neuem“, doch die griechische Formel hat keinen Artikel. εκ του νέου wäre nicht die übliche adverbiale Wendung.

3. εντάξει im normalen Gebrauch unnötig trennen

  • Unüblich im heutigen Alltagsgebrauch: Εν τάξει, θα έρθω.
  • Üblich: Εντάξει, θα έρθω.
  • Warum: Das häufige Wort für „in Ordnung“ beziehungsweise „okay“ wird heute zusammengeschrieben. Die getrennte Form gehört zur historischen Herkunft oder zu bewusst altertümelndem Stil.

4. εκ und εξ wahllos vertauschen

  • Falsch: εκ ολοκλήρου
  • Richtig: εξ ολοκλήρου
  • Warum: In den überlieferten Verbindungen steht εξ vor Vokal, εκ vor Konsonant: εξ αρχής, aber εκ νέου. Da es feste Ausdrücke sind, sollte die jeweilige Gesamtform mitgelernt werden.

5. Eine gehobene Formel in einen sehr lockeren Satz mischen

  • Stilistisch schwerfällig: Πάμε, παραδείγματος χάριν, για κανένα καφέ;
  • Natürlicher im Gespräch: Πάμε, για παράδειγμα, για κανέναν καφέ;
  • Warum: παραδείγματος χάριν ist korrekt, klingt in einem spontanen Vorschlag aber unnötig förmlich. Grammatische Richtigkeit und passendes Register sind nicht dasselbe.

6. Den Besitzer bei εν γνώσει falsch ausdrücken

  • Falsch: εν γνώσει αυτός
  • Richtig: εν γνώσει του
  • Warum: Die Person steht hier als kurzes Genitivpronomen του, της oder τους. Deutsch verwendet dafür „mit seinem/ihrem Wissen“, die griechische Struktur ist jedoch anders.

Hinweise zum Gebrauch

Altgriechische Relikte verteilen sich nicht gleichmäßig über alle Textsorten. εκ νέου, εκ των προτέρων, εν τω μεταξύ und δόξα τω Θεώ sind breit verständlich und keineswegs auf feierliche Texte beschränkt. άνευ, διά παντός oder εν ευθέτω χρόνω markieren dagegen schnell einen amtlichen, juristischen, ironischen oder bewusst gehobenen Ton.

In Zeitungssprache sind solche Wendungen beliebt, weil sie knapp sind: Η υπόθεση εξετάζεται εκ νέου sagt mit wenigen Wörtern, dass ein Verfahren wieder aufgenommen oder noch einmal geprüft wird. In Behörden- und Vertragstexten schaffen feste Formeln einen unpersönlichen, institutionellen Stil. Im privaten Gespräch würde man oft ξανά, χωρίς, με μετρητά oder χωρίς να το ξέρει wählen.

Die deutsche Übersetzung darf nicht Wort für Wort erfolgen. εν αγνοία του bedeutet nicht „in seiner Unwissenheit“, sondern je nach Zusammenhang „ohne sein Wissen“. τω όντι heißt „tatsächlich“ oder „in der Tat“, nicht etwa „dem Seienden“. Wer die historische Einzelbedeutung zu stark in den Vordergrund stellt, verfehlt häufig die heutige Funktion.

Auch die Aussprache folgt grundsätzlich dem Neugriechischen. Die Wendungen werden nicht mit einer rekonstruierten altgriechischen Aussprache gesprochen. Ihre Herkunft ist alt, ihre heutige Verwendung gehört aber zum modernen Sprachsystem.

Für Fortgeschrittene

Lexikalische Formeln statt eines wiederbelebten Kasus

Sprachwissenschaftlich ist entscheidend, zwischen lexikalisiert und produktiv zu unterscheiden. Lexikalisiert bedeutet: Eine Form ist als fester Eintrag im Wortschatz gespeichert. Produktiv wäre eine Regel, mit der Sprecherinnen und Sprecher spontan neue entsprechende Formen bilden. Der alte Dativ ist im Neugriechischen überwiegend lexikalisiert, nicht produktiv.

Das erklärt, warum Muttersprachler εν ψυχρώ „kaltblütig“, πάση θυσία „um jeden Preis“ oder τω όντι „tatsächlich“ sicher verwenden können, ohne den vollständigen altgriechischen Dativ bilden zu können. Die Kenntnis der historischen Formen hilft beim Erkennen, ersetzt aber nicht das Lernen der jeweiligen Kollokation, also der üblichen Wortverbindung.

Relikte als Stilmittel

Gelehrte Formen können einem Satz Autorität, Feierlichkeit oder Distanz geben. Sie können aber ebenso humoristisch wirken, wenn der Inhalt banal ist: Αποφάσισα, εν πλήρει συνειδήσει, να φάω και δεύτερο γλυκό. – „Ich habe mich bei vollem Bewusstsein entschieden, noch ein zweites Dessert zu essen.“ Die hochtrabende Formel steht hier absichtlich im Kontrast zur alltäglichen Entscheidung.

Für die eigene Textproduktion gilt daher: Ein einzelner passender Ausdruck kann einen formellen Text idiomatischer machen. Eine Häufung vieler gelehrter Formeln wirkt schnell bürokratisch oder gekünstelt. Gute C1-Kompetenz zeigt sich nicht durch möglichst viele Relikte, sondern durch die passende Auswahl.

Weitere erstarrte altgriechische Formen

Neben Präpositionalgruppen gibt es auch alte Verbformen oder ganze Zitate, die als feste Einheiten weiterleben:

  • το ζην και το ευ ζην – das Leben und das gute Leben; enthält alte Infinitive (Grundformen des Verbs)
  • δούναι και λαβείν – Geben und Nehmen; ebenfalls alte Infinitive
  • άρον άρον – hastig, Hals über Kopf; ursprünglich eine wiederholte Befehlsform
  • μη μου άπτου – jemand, der unnahbar oder überempfindlich ist; wörtlich eine alte Verbform im Sinn von „rühr mich nicht an“

Solche Ausdrücke sind kulturell und stilistisch markiert. Für den aktiven Gebrauch sollte man zuerst ihren heutigen Kontext kennenlernen; bloßes Wissen um die altgriechische Grammatik reicht nicht aus.

Tipps zum Üben

  1. Lerne in Paaren. Notiere zu jeder festen Form eine neutrale Umschreibung: εκ νέου – ξανά, εν αγνοία του – χωρίς να το ξέρει, τοις μετρητοίς – με μετρητά. So trainierst du zugleich Bedeutung und Register.
  2. Markiere den unveränderlichen Kern. Schreibe etwa εν γνώσει + Genitiv und bilde nur realistische Varianten: εν γνώσει του διευθυντή, εν γνώσει της επιτροπής, εν γνώσει τους. Versuche nicht, den alten Dativ frei auf neue Wörter zu übertragen.
  3. Sammle echte Fundstellen nach Textsorte. Suche in Nachrichten nach εκ νέου und εκ των προτέρων, in Alltagssprache nach εντάξει und δόξα τω Θεώ. Frage bei jedem Beispiel: neutral, formell, amtlich, feierlich oder ironisch?

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