A1

Verben mit Vokalwechsel im Deutschen

Verben mit Vokalwechsel

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Bei manchen deutschen Verben ändert sich im Präsens der Vokal im Verbstamm, aber nur bei du und er/sie/es: sprechen → du sprichst, er spricht. Besonders häufig sind e → i, e → ie und a → ä. Die Formen mit ich, wir, ihr und sie/Sie behalten dagegen normalerweise den Vokal des Infinitivs.

Überblick

Ein Verbstamm ist der Teil eines Verbs, der nach dem Entfernen der Infinitivendung -en oder -n übrig bleibt: sprech-en → sprech-, les-en → les-, fahr-en → fahr-. Bei regelmäßigen Verben bleibt dieser Stamm in allen Präsensformen gleich. Einige häufige Verben verändern jedoch ihren Stammvokal, also den Vokal im Verbstamm: Aus sprech- wird in bestimmten Formen sprich-, aus les- wird lies- und aus fahr- wird fähr-.

Diese Verben begegnen dir schon auf A1-Niveau, denn viele davon gehören zum Alltagswortschatz: essen, geben, helfen, lesen, sehen, sprechen, fahren und schlafen. Die wichtigste Anfängerregel ist überschaubar: Der Wechsel steht im Präsens in der zweiten und dritten Person Singular, also bei du sowie er, sie, es. „Singular“ bedeutet hier Einzahl: Es geht jeweils um eine Person oder Sache.

Der Vokalwechsel lässt sich nicht bei jedem Verb allein am Infinitiv erkennen. Sprechen und geben wechseln, leben und gehen aber nicht. Deshalb sollte eine neue Vokabel nicht nur als Infinitiv gelernt werden, sondern zusammen mit ihrer Form für du oder er/sie/es: sprechen – er spricht, fahren – er fährt.

So funktioniert der Vokalwechsel

Die Grundregel im Präsens

Zuerst werden dieselben Personalendungen verwendet, die du von regelmäßigen Verben kennst. Eine Personalendung zeigt, wer handelt, zum Beispiel -st bei du und meist -t bei er/sie/es. Bei den betroffenen Singularformen kommt zusätzlich der Vokalwechsel hinzu.

Person Endung Vokalwechsel? Beispiel mit sprechen
ich -e nein ich spreche
du -st ja du sprichst
er/sie/es -t ja er spricht
wir -en nein wir sprechen
ihr -t nein ihr sprecht
sie/Sie -en nein sie sprechen / Sie sprechen

Die Gegenüberstellung er spricht, aber ihr sprecht ist besonders wichtig. Beide Formen enden auf -t, doch nur die dritte Person Singular hat den Vokalwechsel.

Muster 1: e → i

Bei dieser Gruppe wird aus e ein kurzes i. Häufige Verben sind sprechen, geben, helfen, nehmen, treffen, essen, vergessen und werfen.

Person sprechen geben nehmen
ich spreche gebe nehme
du sprichst gibst nimmst
er/sie/es spricht gibt nimmt
wir sprechen geben nehmen
ihr sprecht gebt nehmt
sie/Sie sprechen geben nehmen

Bei nehmen verändert sich nicht nur der Vokal: du nimmst, er nimmt haben außerdem ein doppeltes m. Auch essen muss als ganze Form gelernt werden: du isst, er isst. Die Schreibweise isst unterscheidet die Verbform vom Wort ist aus dem Verb sein.

Muster 2: e → ie

Bei Verben wie lesen und sehen wird aus e ein lang gesprochenes ie. Weitere häufige Beispiele sind empfehlen und stehlen.

Person lesen sehen
ich lese sehe
du liest siehst
er/sie/es liest sieht
wir lesen sehen
ihr lest seht
sie/Sie lesen sehen

In du liest steht nicht zusätzlich die normale Folge -iestst. Die fertige Form lautet einfach liest. Bei sehen bleibt das h erhalten: du siehst, sie sieht.

Muster 3: a → ä

Bei vielen Verben mit a erhält der Vokal in den beiden Singularformen einen Umlaut: fahren → du fährst, er fährt. Häufig sind außerdem schlafen, tragen, waschen, halten, fallen, lassen und laden.

Person fahren schlafen tragen
ich fahre schlafe trage
du fährst schläfst trägst
er/sie/es fährt schläft trägt
wir fahren schlafen tragen
ihr fahrt schlaft tragt
sie/Sie fahren schlafen tragen

Einige Formen werden beim Zusammentreffen von Stamm und Endung kürzer als vielleicht erwartet. Man sagt du hältst und er hält, nicht du hältest oder er haltet. Ebenso heißen die Formen von laden du lädst und er lädt.

Ein verwandtes Muster: au → äu

Auch laufen und saufen verändern den Stammvokal in denselben Personen: du läufst, er läuft. Für den Anfang genügt vor allem das sehr häufige Verb laufen. Das Muster wird oft zusammen mit a → ä gelernt, weil auch hier ein Umlaut hinzukommt.

Was gleich bleibt

Der Wechsel hängt von der Person ab, nicht von der Position des Verbs. Er bleibt deshalb auch in Fragen und Nebensätzen erhalten:

  • Du fährst heute nach Köln.
  • Fährst du heute nach Köln?
  • Ich weiß, dass du heute nach Köln fährst.

Auch bei einem trennbaren Verb bleibt die passende Stammform erhalten: Er schläft früh ein oder Der Zug fährt um acht Uhr ab. Nur die Vorsilbe steht im Hauptsatz getrennt; der Vokalwechsel folgt weiterhin der Person.

Nicht jedes ähnliche Verb wechselt

Es gibt keine sichere Regel, mit der sich der Wechsel aus dem Infinitiv vorhersagen lässt. Vergleiche:

Mit Vokalwechsel Ohne Vokalwechsel
geben → du gibst leben → du lebst
sprechen → er spricht rechnen → er rechnet
fahren → sie fährt zahlen → sie zahlt
schlafen → er schläft machen → er macht

Behandle den Wechsel deshalb als Teil der Vokabel. Ein Wörterbuch nennt bei unregelmäßigen Verben oft mehrere Stammformen, zum Beispiel sprechen – sprach – gesprochen. Für das Präsens ist zunächst er spricht die entscheidende Zusatzform.

Beispiele im Kontext

Deutsches Beispiel Bedeutung in einfachen Worten Hinweis
Er spricht Deutsch. Er kann sich auf Deutsch ausdrücken. e → i bei er
Sprichst du auch Italienisch? Kannst du dich auch auf Italienisch ausdrücken? Frage mit du
Wir sprechen heute über die Reise. Unser heutiges Thema ist die Reise. Kein Wechsel bei wir
Sie liest jeden Abend ein Buch. Jeden Abend verbringt sie Zeit mit einem Buch. e → ie bei sie im Singular
Lest ihr die Nachricht? Schaut ihr euch den Text der Nachricht an? Kein Wechsel bei ihr
Ich sehe den Bus, aber du siehst ihn nicht. Der Bus ist für mich sichtbar, für dich nicht. Vergleich von ich und du
Der Arzt empfiehlt mehr Bewegung. Der Arzt rät zu mehr Bewegung. e → ie bei er
Er fährt nach Hause. Er bewegt sich mit einem Verkehrsmittel nach Hause. a → ä bei er
Fahrt ihr morgen nach Berlin? Reist ihr morgen nach Berlin? Kein Wechsel bei ihr
Das Kind schläft schon. Das Kind ist bereits eingeschlafen. a → ä bei es
Du trägst heute eine warme Jacke. Du hast heute eine warme Jacke an. a → ä bei du
Was isst du zum Frühstück? Welche Speise nimmst du morgens zu dir? essen → isst
Meine Nachbarin hilft mir oft. Ich bekomme oft Unterstützung von meiner Nachbarin. e → i bei sie im Singular
Der Zug fährt um 18 Uhr ab. Der Zug verlässt den Bahnhof um 18 Uhr. Trennbares Verb mit Vokalwechsel
Weil er früh aufsteht, läuft er vor der Arbeit. Er steht früh auf und geht vor Arbeitsbeginn laufen. Der Wechsel bleibt im Nebensatz erhalten

Häufige Fehler

Den Stamm bei du nicht verändern

  • Falsch: Du sprechst sehr leise.
  • Richtig: Du sprichst sehr leise.
  • Warum? Sprechen hat bei du den Wechsel e → i. Danach folgt die Endung -st: sprich-st.

Den Wechsel auf alle Personen übertragen

  • Falsch: Wir fähren morgen ans Meer.
  • Richtig: Wir fahren morgen ans Meer.
  • Warum? Im Präsens wechseln nur du und er/sie/es. Bei wir bleibt der Stamm des Infinitivs erhalten.

ihr und er wegen derselben Endung verwechseln

  • Falsch: Ihr liest jeden Morgen die Zeitung.
  • Richtig: Ihr lest jeden Morgen die Zeitung.
  • Warum? Obwohl er liest und ihr lest beide auf -t enden, findet der Vokalwechsel bei ihr nicht statt.

Einen Umlaut bei jedem Verb mit a setzen

  • Falsch: Er mächt heute das Essen.
  • Richtig: Er macht heute das Essen.
  • Warum? Nicht jedes Verb mit a wechselt. Der Umlaut gehört nur zu bestimmten Verben und muss mitgelernt werden.

Eine überflüssige Silbe einfügen

  • Falsch: Du hältst wird als du hältest gebildet.
  • Richtig: Du hältst die Tür offen.
  • Warum? Die Präsensform von halten lautet hältst. Ein zusätzliches e wird nicht eingesetzt.

isst und ist verwechseln

  • Falsch: Er ist einen Apfel.
  • Richtig: Er isst einen Apfel.
  • Warum? Ist gehört zu sein: Er ist müde. Isst gehört zu essen: Er isst einen Apfel.

Gebrauchshinweise

Verben mit Vokalwechsel sind weder besonders förmlich noch besonders umgangssprachlich. Es handelt sich um ganz normale Präsensformen, die in Gesprächen, Nachrichten, beruflichen Texten und Literatur gleichermaßen vorkommen. Eine Form wie du sprechst wirkt daher nicht lockerer, sondern schlicht falsch.

Das Subjekt (die Person oder Sache, über die etwas ausgesagt wird) kann auch ein Name oder ein Substantiv sein. Entscheidend ist, welches Personalpronomen dazu passt: Mara liest entspricht sie liest, der Zug fährt entspricht er fährt und das Kind schläft entspricht es schläft. Bei einem Subjekt im Plural gibt es keinen Wechsel: Mara und Ben lesen, die Züge fahren.

Achte außerdem auf die höfliche Anrede Sie. Grammatisch verwendet sie dieselbe Form wie sie im Plural und hat deshalb keinen Vokalwechsel: Fahren Sie morgen?, Lesen Sie bitte den Vertrag. Das kleingeschriebene sie kann dagegen eine einzelne weibliche Person meinen: Sie fährt morgen. Großschreibung und Zusammenhang zeigen, welche Bedeutung gemeint ist.

Über die Grundlagen hinaus

Die folgenden Einzelheiten musst du auf A1 noch nicht aktiv beherrschen. Sie helfen aber dabei, spätere Formen richtig einzuordnen.

Der Präsenswechsel ist nicht der gesamte Formenbestand

Viele Verben dieser Gruppe sind starke Verben. „Stark“ bedeutet, dass ein Verb verschiedene Zeitformen durch eine Änderung im Stamm bildet, statt nur regelmäßige Endungen anzuhängen. Diese späteren Änderungen stimmen nicht einfach mit dem Präsenswechsel überein:

Infinitiv Präsens Präteritum Partizip II
sprechen er spricht er sprach gesprochen
lesen sie liest sie las gelesen
fahren er fährt er fuhr gefahren
geben sie gibt sie gab gegeben

Das Präteritum ist eine einfache Vergangenheitsform wie sprach oder fuhr. Das Partizip II ist eine Verbform wie gesprochen oder gefahren, die unter anderem im Perfekt gebraucht wird. Für Anfänger ist wichtig: Nicht aus spricht eine erfundene Vergangenheitsform ableiten, sondern die Stammformen später zusammen lernen.

Zusammengesetzte und trennbare Verben

Viele Verben behalten den Wechsel auch mit einer Vorsilbe, sofern das Grundverb erkennbar bleibt:

  • lesen → vorlesen: Sie liest eine Geschichte vor.
  • sehen → ansehen: Er sieht sich den Film an.
  • fahren → abfahren: Der Bus fährt gleich ab.
  • nehmen → mitnehmen: Nimmst du einen Regenschirm mit?

Das ist eine nützliche Lernhilfe, aber keine Einladung, Formen beliebig zu erraten. Bei neuen zusammengesetzten Verben lohnt sich weiterhin ein Blick ins Wörterbuch.

Der Imperativ folgt eigenen Regeln

Beim Imperativ, also bei einer Aufforderung wie Komm!, erscheinen bei vielen e → i/ie-Verben ebenfalls veränderte Formen: Gib mir bitte das Salz!, Sprich langsamer!, Lies den Text! und Sieh mal! Bei a → ä fällt der Umlaut in der üblichen du-Aufforderung dagegen meist weg: Fahr vorsichtig!, Schlaf gut!, Trag die Kiste! Diese Formen gehören zu einem eigenen Grammatikthema und sollten als ganze Wendungen gelernt werden.

Schwankungen und seltene Sonderfälle

Nicht alle Verben verhalten sich in jeder Bedeutung gleich. Schaffen lautet im Sinn von „bewältigen“ regelmäßig: Sie schafft die Prüfung. Das starke Verb schaffen im Sinn von „erschaffen“ hat dagegen die Form er schafft im Präsens ebenfalls ohne sichtbaren Wechsel, aber andere Vergangenheitsformen: schuf, geschaffen. Solche Fälle zeigen, warum die Einteilung nach einem einzelnen Präsensvokal nicht die gesamte deutsche Verbgrammatik erklärt.

Übungstipps

  1. Lerne Dreiergruppen statt Einzelwörter. Notiere zum Beispiel sprechen – du sprichst – er spricht und fahren – du fährst – er fährt. So speicherst du gleichzeitig, ob und wie das Verb wechselt.
  2. Sprich Kontraste laut. Wiederhole kurze Reihen wie ich lese – du liest – er liest – wir lesen – ihr lest. Der Wechsel und die Rückkehr zum Infinitivstamm werden dadurch hörbar.
  3. Suche die handelnde Person zuerst. Markiere in einem Satz das Subjekt und ersetze es gedanklich durch ich, du, er/sie/es, wir, ihr oder sie/Sie. Erst danach wählst du die passende Verbform.

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