B2

Zustandspassiv (sein-Passiv) im Deutschen

Zustandspassiv

Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.

Kurz gesagt

Das Zustandspassiv beschreibt meist das Ergebnis einer abgeschlossenen Handlung: Jemand hat die Tür geschlossenDie Tür ist geschlossen. Es wird mit einer Form von sein und dem Partizip II gebildet. Im Gegensatz dazu richtet das Vorgangspassiv mit werden den Blick auf die Handlung selbst: Die Tür wird geschlossen.

Überblick

Mit dem Zustandspassiv sagt man, in welchem Zustand sich eine Person oder Sache nach einer Handlung befindet. In Das Fenster ist geöffnet geht es nicht darum, wie gerade jemand das Fenster öffnet. Wichtig ist das Ergebnis: Das Fenster steht nun offen. Deshalb nennt man diese Form auch sein-Passiv.

Das Zustandspassiv besteht aus sein und dem Partizip II (der Verbform, die man etwa auch in hat geöffnet oder ist angekommen findet). Das Subjekt (die Person oder Sache, über die der Satz etwas aussagt) ist nicht der Handelnde, sondern das von der früheren Handlung betroffene Element: In Die Rechnung ist bezahlt ist die Rechnung das Subjekt. Wer bezahlt hat, bleibt normalerweise unerwähnt.

Auf Niveau B2 ist vor allem die Abgrenzung zum Vorgangspassiv wichtig. Beide Formen können dieselbe Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen. Vergleiche Die Suppe wird gekocht mit Die Suppe ist gekocht: Der erste Satz beschreibt den Vorgang, der zweite das fertige Ergebnis. Diese Unterscheidung ist im Alltag ebenso nützlich wie in Nachrichten, Anleitungen, Geschäftsbriefen und Zustandsbeschreibungen.

So funktioniert es

Grundform: sein + Partizip II

Die Bildung ist regelmäßig:

Subjekt + konjugierte Form von sein + Partizip II

Satzteil Beispiel Funktion
Subjekt Die Tür das von der Handlung betroffene Element
Form von sein ist zeigt Person, Zahl und Zeit an
Partizip II geschlossen nennt das Ergebnis der Handlung

Daraus entsteht: Die Tür ist geschlossen.

Nur sein wird an das Subjekt angepasst: Das Fenster ist geöffnet, aber Die Fenster sind geöffnet. Das Partizip II bleibt in dieser Stellung unverändert. Erst wenn es direkt vor einem Nomen steht, erhält es eine Endung: das geöffnete Fenster, die geschlossenen Türen.

Welche Bedeutung steht im Mittelpunkt?

Das Zustandspassiv setzt gedanklich meistens eine Handlung voraus, deren Ergebnis noch gilt:

  1. Jemand öffnet das Fenster. — Handlung
  2. Das Fenster ist geöffnet. — daraus entstandener Zustand

Nicht jede Handlung muss ausdrücklich genannt oder beobachtet worden sein. Bei Alle Plätze sind reserviert reicht die Information, dass keine Plätze mehr frei verfügbar sind. Wer die Reservierungen vorgenommen hat, ist für die Aussage unwichtig.

Typisch sind Verben, deren Handlung ein erkennbares Ergebnis hervorbringt:

  • öffnenDas Geschäft ist geöffnet.
  • schließenDie Tür ist geschlossen.
  • reparierenDas Fahrrad ist repariert.
  • bezahlenDie Rechnung ist bezahlt.
  • vorbereitenAlles ist vorbereitet.
  • besetzenDer Platz ist besetzt.

Bei Verben ohne bleibendes Ergebnis ist ein Zustandspassiv oft nicht sinnvoll. Der Brief ist gelesen kann in einem passenden Zusammenhang bedeuten, dass das Lesen abgeschlossen ist. Ein Satz wie Der Brief ist gesehen klingt dagegen normalerweise nicht natürlich, weil sehen keinen klaren Folgezustand des Briefes erzeugt.

Zustand oder Vorgang?

Der wichtigste Gegensatz lautet sein + Partizip II gegen werden + Partizip II.

Blickrichtung Form Beispiel Aussage
Vorgang werden + Partizip II Die Küche wird gereinigt. Die Reinigung findet statt.
Zustand sein + Partizip II Die Küche ist gereinigt. Die Reinigung ist abgeschlossen; die Küche ist sauber.
Handlung im Aktiv handelnde Person + Verb Der Hausmeister reinigt die Küche. Der Handelnde und seine Tätigkeit stehen im Mittelpunkt.

Die Frage „Was passiert?“ führt häufig zum Vorgangspassiv. Die Frage „Wie ist der Zustand jetzt?“ führt häufig zum Zustandspassiv. Diese Fragen sind Lernhilfen, aber keine starren grammatischen Prüfungen. Entscheidend bleibt die beabsichtigte Perspektive.

Zeitangaben können den Unterschied verdeutlichen:

  • Die Straße wird gerade gesperrt. — Der Vorgang läuft jetzt.
  • Die Straße ist seit Montag gesperrt. — Der Zustand besteht seit Montag.
  • Die Straße wird morgen gesperrt. — Die Sperrung beginnt morgen.
  • Die Straße wird morgen gesperrt sein. — Morgen wird der Zustand der Sperrung bestehen.

Die Zeitformen des Zustandspassivs

Die Zeitform wird durch sein ausgedrückt. Das Partizip II verändert sich nicht.

Zeitform Bildung Beispiel
Präsens ist/sind + Partizip II Der Eingang ist gesperrt.
Präteritum war/waren + Partizip II Der Eingang war gesperrt.
Perfekt ist/sind + Partizip II + gewesen Der Eingang ist gesperrt gewesen.
Plusquamperfekt war/waren + Partizip II + gewesen Der Eingang war gesperrt gewesen.
Futur I wird/werden + Partizip II + sein Der Eingang wird gesperrt sein.

In der Alltagssprache verwendet man für einen vergangenen Zustand meist das Präteritum von sein: Gestern war der Eingang gesperrt. Das Perfekt ist gesperrt gewesen ist korrekt, wirkt aber oft schwerer. Das Plusquamperfekt kommt nur vor, wenn ein bereits vergangener Zustand zeitlich vor einem anderen vergangenen Ereignis eingeordnet werden muss.

Beim Futur ist die Wortfolge besonders wichtig:

  • Zustand in der Zukunft: Die Arbeiten werden bis Freitag abgeschlossen sein.
  • Vorgang in der Zukunft: Die Arbeiten werden bis Freitag abgeschlossen werden.

Der erste Satz verspricht ein fertiges Ergebnis bis Freitag. Der zweite kündigt an, dass der Abschluss der Arbeiten bis Freitag erfolgt.

Mit Modalverben

Auch Modalverben machen den Unterschied zwischen Zustand und Vorgang sichtbar:

  • Die Tür muss geöffnet sein. — Es ist erforderlich, dass sie offen ist.
  • Die Tür muss geöffnet werden. — Jemand muss sie öffnen.
  • Der Antrag sollte vollständig ausgefüllt sein. — Der fertige Antrag soll keine Lücken haben.
  • Der Antrag sollte heute ausgefüllt werden. — Das Ausfüllen soll heute stattfinden.

Das Modalverb steht an zweiter Stelle; die Kombination aus Partizip II und sein steht im Hauptsatz am Ende.

Beispiele im Kontext

Beispiel Bedeutung Hinweis
Die Tür ist geschlossen. Die Tür befindet sich im geschlossenen Zustand. Ergebnis von schließen
Das Essen ist gekocht. Das Kochen ist fertig; das Essen kann serviert werden. abgeschlossenes Ergebnis
Der Brief war schon geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Der Text war fertig; das Abschicken stand noch aus. vergangener Zustand
Alle Zimmer sind bereits reserviert. Es gibt keine frei buchbaren Zimmer mehr. Handelnder unwichtig
Ist die Rechnung schon bezahlt? Es wird nach dem aktuellen Zahlungsstatus gefragt. Frage im Zustandspassiv
Die Straße ist seit gestern gesperrt. Die Sperrung besteht seit gestern. seit bezeichnet die Dauer des Zustands
Als wir ankamen, war das Museum geschlossen. Zum Zeitpunkt unserer Ankunft konnte man nicht hinein. Zustand im Präteritum
Bis morgen wird der Bericht fertiggestellt sein. Morgen soll der fertige Bericht vorliegen. zukünftiges Ergebnis
Die Daten müssen vollständig gesichert sein. Eine vollständige Sicherung ist erforderlich. Modalverb + Zustand
Der Tisch ist für acht Personen gedeckt. Geschirr und Besteck liegen für acht Personen bereit. sichtbares Handlungsergebnis
Nach dem Umbau war der Raum völlig verändert. Der Raum sah infolge des Umbaus anders aus. Partizip mit verstärkendem Adverb
Die Aufgabe ist noch nicht erledigt. Die Erledigung steht weiterhin aus. noch nicht vor dem Zustandsausdruck
Der Kopierer ist nicht mehr blockiert. Die frühere Blockierung besteht jetzt nicht mehr. Ende eines Zustands

Häufige Fehler

werden und sein ohne Bedeutungsunterschied austauschen

  • Falsch für einen laufenden Vorgang: Die Tür ist gerade von einem Mitarbeiter geöffnet.
  • Richtig: Die Tür wird gerade von einem Mitarbeiter geöffnet.
  • Warum: Wenn das Öffnen in diesem Moment geschieht, braucht man das Vorgangspassiv mit werden. Die Tür ist geöffnet beschreibt normalerweise den erreichten Zustand.

Das Partizip II vergessen

  • Falsch: Die Rechnung ist bezahlen.
  • Richtig: Die Rechnung ist bezahlt.
  • Warum: Nach sein steht hier das Partizip II, nicht der Infinitiv (die Grundform des Verbs). Bei bezahlen lautet es bezahlt.

Das Partizip im Prädikat deklinieren

  • Falsch: Die Türen sind geschlossene.
  • Richtig: Die Türen sind geschlossen.
  • Warum: Nach sein bleibt das Partizip unverändert. Nur vor einem Nomen bekommt es eine Endung: die geschlossenen Türen.

Vorgangspassiv im Perfekt und Zustandspassiv verwechseln

  • Falsch gemeint: Das Fenster ist geöffnet, wenn die vergangene Öffnung als Ereignis erzählt werden soll.
  • Richtig: Das Fenster ist geöffnet worden.
  • Warum: ist geöffnet bezeichnet den jetzigen Zustand. ist geöffnet worden ist das Perfekt des Vorgangspassivs und bezeichnet die Handlung. Im Vorgangspassiv heißt es worden, nicht geworden.

Einen unnatürlichen Urheber ergänzen

  • Unnatürlich ohne besonderen Zusammenhang: Die Tür ist von Maria geöffnet.
  • Meist natürlicher: Maria hat die Tür geöffnet. / Die Tür ist offen.
  • Warum: Im Zustandspassiv ist der Urheber normalerweise unwichtig. Soll Maria als handelnde Person hervorgehoben werden, ist ein Aktivsatz meist passender. Eine Ergänzung ist möglich, wenn sie für den bestehenden Zustand wirklich wichtig ist, etwa Der Saal ist von der Polizei abgesperrt.

noch nicht und nicht mehr verwechseln

  • Falsch für eine ausstehende Arbeit: Der Bericht ist nicht mehr fertiggestellt.
  • Richtig: Der Bericht ist noch nicht fertiggestellt.
  • Warum: noch nicht bedeutet, dass der erwartete Zustand bisher nicht erreicht wurde. nicht mehr bedeutet, dass ein früherer Zustand aufgehört hat.

Hinweise zum Gebrauch

Das Zustandspassiv ist besonders häufig, wenn ein Status knapp mitgeteilt wird: ausverkauft, belegt, reserviert, genehmigt, geschlossen, beschädigt oder vorbereitet. Darum begegnet es einem oft auf Schildern, in Benachrichtigungen, bei Buchungen und in sachlichen Texten: Die Veranstaltung ist ausgebucht. Ihr Antrag ist genehmigt. Die Leitung ist unterbrochen.

Die handelnde Person wird selten genannt. Falls sie wichtig ist, kann eine Ergänzung mit von stehen: Das Gelände ist von der Polizei abgesperrt. Eine Ursache oder ein Mittel kann mit durch ausgedrückt werden: Die Straße ist durch einen umgestürzten Baum blockiert. Solche Ergänzungen passen nur, wenn sie den bestehenden Zustand näher erklären. Für die Erzählung der Handlung sind Aktiv oder Vorgangspassiv meist natürlicher.

Adverbien helfen, die zeitliche Entwicklung eines Zustands genau auszudrücken:

  • schon/bereits: Der Zustand ist früher als erwartet erreicht — Alles ist schon vorbereitet.
  • noch: Der Zustand besteht weiterhin — Das Geschäft ist noch geschlossen.
  • noch nicht: Der erwartete Zustand ist bisher nicht erreicht — Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben.
  • nicht mehr: Der frühere Zustand besteht nicht länger — Der Platz ist nicht mehr reserviert.
  • seit: Der Zustand besteht ab einem Zeitpunkt — Die Strecke ist seit Dienstag gesperrt.

In vielen Fällen gibt es eine einfache Adjektivform mit fast derselben praktischen Bedeutung: Die Tür ist geöffnet und Die Tür ist offen. Die Partizipform lenkt den Gedanken etwas stärker auf das Ergebnis einer vorausgehenden Handlung; das Adjektiv beschreibt den Zustand unmittelbar. Im Alltag ist die kürzere Adjektivform häufig natürlicher, sofern kein Unterschied in der Bedeutung entsteht.

Über die Grundlagen hinaus

Zustandspassiv oder Adjektiv?

Bei Sätzen wie Das Geschäft ist geschlossen lässt sich nicht immer eindeutig entscheiden, ob geschlossen noch als Partizip eines passiven Satzes oder bereits als Adjektiv verstanden wird. Für den praktischen Sprachgebrauch ist diese Grenzfrage selten entscheidend. Wichtig ist die Bedeutung: Der Satz beschreibt einen Zustand, nicht den Ablauf des Schließens.

Einige Hinweise zeigen, dass eine Form stark wie ein Adjektiv gebraucht wird. Sie kann etwa gesteigert oder mit typischen Gradangaben verbunden werden: Sie ist sehr interessiert, Er wirkt völlig erschöpft. Nicht jeder Satz mit sein + Partizip II bezeichnet deshalb automatisch ein Zustandspassiv im engen Sinn. Formen wie bekannt, beliebt oder verwandt werden oft als gewöhnliche Adjektive wahrgenommen.

Das Subjekt kann ein Dativobjekt des Aktivsatzes gewesen sein

Das Zustandspassiv folgt meist auf Verben mit einem Akkusativobjekt (wen oder was die Handlung direkt betrifft): Man schließt die TürDie Tür ist geschlossen. Es gibt jedoch auch feste unpersönliche Konstruktionen, in denen kein solches Subjekt entsteht: Den Gästen ist geholfen. Dieser Satz bedeutet, dass die Gäste die nötige Hilfe erhalten haben. Den Gästen steht im Dativ (der Form, die oft den Empfänger bezeichnet), und der Satz hat kein gewöhnliches Subjekt.

Solche Wendungen sind möglich, aber weniger produktiv als das normale Muster. Häufig sind zum Beispiel Damit ist uns geholfen und Für Verpflegung ist gesorgt. Sie sollten am besten als gebräuchliche Muster gelernt werden.

Das Ergebnis kann widerrufen oder verändert werden

Ein Zustandspassiv behauptet nicht, dass das Ergebnis dauerhaft ist. Der Tisch ist reserviert gilt nur so lange, bis die Reservierung aufgehoben wird oder endet. Zeitangaben und Adverbien machen diese Entwicklung sichtbar:

  • Der Tisch war zunächst reserviert, ist jetzt aber wieder frei.
  • Die Datei ist vorübergehend gesperrt.
  • Der Vertrag bleibt bis Ende des Jahres gültig und unterschrieben.

Das Verb bleiben kann einen fortbestehenden Zustand ausdrücken: Die Tür bleibt geschlossen. Streng genommen ist das dann keine Bildung mit sein, aber das Partizip beschreibt weiterhin den Zustand als Ergebnis einer Handlung.

Mehrdeutigkeit im Futur

Der Laden wird geschlossen sein ist eine Zukunftsaussage über einen Zustand: Zu einem späteren Zeitpunkt ist der Laden voraussichtlich nicht offen. Je nach Zusammenhang kann wird ... sein auch eine Vermutung über die Gegenwart ausdrücken: Der Laden wird schon geschlossen sein bedeutet ungefähr Vermutlich ist der Laden bereits geschlossen. Der Kontext und Wörter wie morgen oder schon zeigen, welche Lesart gemeint ist.

Übungstipps

  1. Bilde Dreiergruppen. Schreibe zu einem Verb je einen Aktivsatz, ein Vorgangspassiv und ein Zustandspassiv: Die Techniker reparieren das Gerät – Das Gerät wird repariert – Das Gerät ist repariert. So trainierst du nicht nur die Form, sondern auch die Perspektive.
  2. Arbeite mit Vorher-nachher-Situationen. Suche fünf sichtbare Veränderungen in deiner Umgebung. Formuliere zuerst die Handlung und dann das Ergebnis: Jemand hat das Licht ausgeschaltet. Jetzt ist das Licht ausgeschaltet.
  3. Markiere Zeit- und Statuswörter. Achte in Mitteilungen auf schon, noch, seit, nicht mehr, fertig, reserviert und gesperrt. Entscheide jeweils: Wird ein Vorgang oder ein bestehender Zustand beschrieben?

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