Untrennbare Verben im Deutschen
Untrennbare Verben
Dieser Artikel ist Teil des Deutsch-Grammatikbaums auf Settemila Lingue.
Kurz gesagt
Bei Verben mit den untrennbaren Vorsilben be-, emp-, ent-, er-, ge-, miss-, ver- und zer- bleibt die Vorsilbe immer mit dem Verb verbunden: Ich verstehe dich. Im Partizip II kommt kein zusätzliches ge- hinzu: Ich habe dich verstanden. Auch zu steht vor dem ganzen Verb: Es ist leicht, dich zu verstehen.
Überblick
Ein Verb kann aus einer Vorsilbe und einem Verbstamm bestehen. Der Verbstamm ist der Teil, an den beim Konjugieren die Personalendung kommt, zum Beispiel -steh- in verstehen. Bei einem untrennbaren Verb bilden Vorsilbe und Stamm eine feste Einheit. Deshalb wandert die Vorsilbe im Hauptsatz nicht ans Satzende: Er besucht seine Oma – nicht Er sucht seine Oma be.
Diese Grundregel begegnet dir schon auf Niveau A1, denn viele sehr häufige Verben gehören zu dieser Gruppe: bezahlen, bekommen, erzählen, erklären, gehören, verkaufen und verstehen. Die Vorsilbe verändert oft die Bedeutung des einfachen Verbs deutlich. Aus kaufen wird zum Beispiel verkaufen; aus zählen wird erzählen. Es ist daher am sichersten, jedes Verb als vollständiges Wort mit seiner Bedeutung zu lernen.
Wichtig ist die Unterscheidung von trennbaren Verben wie einkaufen oder anrufen. Dort kann der erste Teil im Hauptsatz abgetrennt werden: Ich kaufe heute ein. Bei verkaufen ist das nicht möglich: Ich verkaufe mein Fahrrad.
So funktioniert es
Die acht typischen Vorsilben
Die folgenden Vorsilben sind untrennbar. Sie werden normalerweise nicht betont, also beim Sprechen nicht hervorgehoben. Die Hauptbetonung liegt meist auf dem Verbstamm: ver-STEH-en, be-SUCH-en.
| Vorsilbe | Häufige Verben | Einfache Orientierung zur Bedeutung |
|---|---|---|
| be- | bezahlen, besuchen, bestellen, bekommen | häufig auf eine Person oder Sache gerichtet |
| emp- | empfehlen, empfangen, empfinden | nur in einer kleinen Gruppe fester Verben |
| ent- | entdecken, entfernen, entschuldigen, entstehen | oft Beginn, Entfernung oder Veränderung |
| er- | erzählen, erklären, erreichen, erkennen | oft Ergebnis oder erfolgreiches Erreichen |
| ge- | gehören, gefallen, geschehen, gewinnen | feste Vorsilbe bei einer begrenzten Gruppe |
| miss- | missverstehen, missachten, missbrauchen | etwas falsch oder schlecht tun |
| ver- | verstehen, verkaufen, vergessen, verlieren | viele verschiedene Bedeutungen; oft Veränderung oder Fehler |
| zer- | zerbrechen, zerstören, zerschneiden | oft Teilung, Beschädigung oder Auflösung |
Diese Bedeutungen sind nur Lernhilfen, keine zuverlässigen Übersetzungsregeln. Besonders ver- hat keine einzige feste Bedeutung. Wer verstehen als „ver + stehen“ deutet, kommt nicht zur wirklichen Bedeutung. Lerne deshalb verstehen als Ganzes.
Präsens: konjugieren, aber nicht trennen
Konjugieren bedeutet, die Verbform an die handelnde Person anzupassen. Bei einem regelmäßigen Verb wie besuchen erhält der Stamm besuch- die normalen Endungen. Die Vorsilbe be- bleibt dabei vorn.
| Person | Form von besuchen | Beispielsatz |
|---|---|---|
| ich | besuche | Ich besuche heute meine Oma. |
| du | besuchst | Du besuchst einen Deutschkurs. |
| er/sie/es | besucht | Sie besucht ihre Freundin. |
| wir | besuchen | Wir besuchen morgen das Museum. |
| ihr | besucht | Ihr besucht eure Nachbarn. |
| sie/Sie | besuchen | Sie besuchen Berlin im Sommer. |
Die Personalendungen sind also dieselben wie bei anderen regelmäßigen Verben. Die Untrennbarkeit sagt jedoch nichts darüber aus, ob der Stamm regelmäßig ist. empfehlen hat zum Beispiel im Präsens die Formen du empfiehlst und er empfiehlt; vergessen wird zu du vergisst. Solche Stammänderungen müssen zusätzlich gelernt werden.
Wortstellung im Hauptsatz
In einem einfachen Aussagesatz steht die konjugierte Verbform meist an zweiter Stelle. Das gesamte untrennbare Verb besetzt diese Position:
- Mara bezahlt die Rechnung.
- Heute erklärt der Lehrer die Aufgabe.
- Warum verstehst du die Frage nicht?
Zum Vergleich besteht ein trennbares Verb im Hauptsatz aus zwei Teilen:
| Art | Infinitiv | Hauptsatz |
|---|---|---|
| untrennbar | verkaufen | Lea verkauft ihr Auto. |
| trennbar | einkaufen | Lea kauft heute ein. |
| untrennbar | besuchen | Wir besuchen Paul. |
| trennbar | aufsuchen | Wir suchen eine Ärztin auf. |
Der Infinitiv ist die Grundform des Verbs, zum Beispiel verkaufen. Am Infinitiv allein sieht man die Satzstellung noch nicht sicher. Deshalb solltest du beim Lernen eines neuen Verbs prüfen, ob es trennbar ist.
Das Partizip II: kein zusätzliches ge-
Das Partizip II ist eine Verbform, die du unter anderem für die Vergangenheit mit haben oder sein brauchst: Ich habe bezahlt. Bei einfachen regelmäßigen Verben steht häufig ge- vor dem Stamm: machen → gemacht. Ein Verb mit untrennbarer Vorsilbe bekommt dieses zusätzliche ge- nicht.
| Infinitiv | Partizip II | Beispielsatz |
|---|---|---|
| besuchen | besucht | Wir haben das Museum besucht. |
| erzählen | erzählt | Sie hat eine Geschichte erzählt. |
| verkaufen | verkauft | Er hat sein Fahrrad verkauft. |
| zerstören | zerstört | Der Sturm hat das Dach zerstört. |
| verstehen | verstanden | Ich habe die Erklärung verstanden. |
| empfehlen | empfohlen | Die Ärztin hat eine Pause empfohlen. |
| gewinnen | gewonnen | Unsere Mannschaft hat gewonnen. |
Bei regelmäßigen Stämmen lautet das Muster also Vorsilbe + Stamm + -t: be + zahl + t. Bei unregelmäßigen Verben kann sich der Stamm ändern und das Partizip auf -en enden: verstehen → verstanden. Die Regel „kein zusätzliches ge-“ bleibt trotzdem gültig.
Bei Verben mit der festen Vorsilbe ge- sieht die Grundform bereits so aus, als enthalte sie ein Partizipzeichen: gehören. Das Partizip lautet aber einfach gehört, nicht gegehört. In gewonnen gehört die erste Silbe ebenfalls zum Verb gewinnen; sie ist kein neu hinzugefügtes ge-.
Infinitiv mit zu: zu steht davor
Wenn ein Infinitiv mit zu gebraucht wird, steht zu vor dem vollständigen untrennbaren Verb:
- Ich versuche, die Frage zu verstehen.
- Sie hofft, den Bahnhof rechtzeitig zu erreichen.
- Es ist wichtig, die Rechnung zu bezahlen.
Bei trennbaren Verben steht zu dagegen zwischen Vorsilbe und Stamm: anzurufen, einzukaufen, aufzuräumen. Dieser Unterschied ist eine gute Gedächtnisstütze:
| Art | Infinitiv | Form mit zu |
|---|---|---|
| untrennbar | verstehen | zu verstehen |
| untrennbar | bezahlen | zu bezahlen |
| trennbar | anrufen | anzurufen |
| trennbar | einkaufen | einzukaufen |
Beispiele im Zusammenhang
Die Bedeutungsangabe formuliert den Inhalt jeweils noch einmal in einfachen deutschen Worten.
| Beispielsatz | Bedeutung in einfachen Worten | Hinweis |
|---|---|---|
| Ich verstehe das nicht. | Das ist für mich nicht klar. | ver- bleibt am Stamm. |
| Er besucht seine Oma. | Er fährt oder geht zu seiner Oma und verbringt Zeit mit ihr. | Regelmäßiges Präsens mit be-. |
| Sie erzählt eine Geschichte. | Sie berichtet, was passiert ist. | er- wird nicht abgetrennt. |
| Wir bezahlen die Rechnung sofort. | Wir geben sofort das verlangte Geld. | bezahlen steht als Ganzes an Position zwei. |
| Kannst du mir ein Restaurant empfehlen? | Kennst du ein gutes Restaurant für mich? | Nach dem Modalverb steht der Infinitiv am Ende. |
| Die Kinder entdecken eine Katze im Garten. | Die Kinder sehen dort überraschend eine Katze. | Regelmäßiges Verb mit ent-. |
| Der Zug erreicht Hamburg um neun Uhr. | Der Zug kommt um neun Uhr in Hamburg an. | Untrennbar, obwohl ankommen trennbar ist. |
| Dieses Buch gehört meiner Schwester. | Meine Schwester ist die Besitzerin des Buches. | Feste Vorsilbe ge-. |
| Bitte missversteh meine Frage nicht. | Bitte deute meine Frage nicht falsch. | Imperativ ohne Trennung. |
| Der Laden verkauft auch frisches Brot. | Man kann dort auch frisches Brot kaufen. | kaufen und verkaufen haben entgegengesetzte Rollen. |
| Beim Umzug ist ein Glas zerbrochen. | Ein Glas ist in Stücke gegangen. | Unregelmäßiges Partizip ohne zusätzliches ge-. |
| Ich habe deine Nachricht bekommen. | Deine Nachricht ist bei mir angekommen. | Häufiges unregelmäßiges Partizip. |
| Sie versucht, den Fehler zu erklären. | Sie möchte verständlich sagen, warum der Fehler passiert ist. | zu steht vor dem ganzen Verb. |
| Wir haben den Termin leider vergessen. | Wir haben nicht mehr an den Termin gedacht. | Kein ge- vor vergessen. |
Häufige Fehler
Die Vorsilbe im Hauptsatz abtrennen
- Falsch: Ich stehe die Frage nicht ver.
- Richtig: Ich verstehe die Frage nicht.
- Warum: ver- ist untrennbar. Die gesamte Form verstehe steht an zweiter Position.
Im Partizip ein zusätzliches ge- einsetzen
- Falsch: Wir haben unsere Freunde gebesucht.
- Richtig: Wir haben unsere Freunde besucht.
- Warum: Nach einer untrennbaren Vorsilbe kommt kein Partizip-ge- hinzu.
zu in die Mitte setzen
- Falsch: Ich versuche, die Aufgabe ver zu stehen.
- Richtig: Ich versuche, die Aufgabe zu verstehen.
- Warum: Nur bei trennbaren Verben steht zu zwischen den beiden Teilen. Vor einem untrennbaren Verb steht es separat.
Aus der Vorsilbe eine genaue Bedeutung ableiten
- Falsch gedacht: verstehen müsse etwas mit dem heutigen Verb stehen bedeuten.
- Besser: verstehen als vollständiges Verb mit der Bedeutung „den Sinn erfassen“ lernen.
- Warum: Die historische Bildung eines Wortes erklärt seine heutige Bedeutung oft nicht direkt. Das gilt besonders für ver-.
Alle Verben mit Vorsilbe gleich konjugieren
- Falsch: Du empfehlst mir dieses Buch.
- Richtig: Du empfiehlst mir dieses Buch.
- Warum: Die Vorsilbe bleibt zwar fest, aber der Stamm von empfehlen ändert sich in der zweiten und dritten Person Singular. Untrennbarkeit und Regelmäßigkeit sind zwei verschiedene Eigenschaften.
Hinweise zum Gebrauch
Untrennbare Verben sind weder besonders formell noch besonders umgangssprachlich. Sie gehören zum normalen Wortschatz in Gesprächen, Nachrichten, Arbeitsmails und Texten. Unterschiede im Stil hängen vom einzelnen Verb ab: bekommen ist neutral und sehr häufig; empfangen wirkt in manchen Zusammenhängen formeller, etwa Gäste empfangen oder ein Signal empfangen.
Die Vorsilbe ist normalerweise unbetont. Das hilft beim Hören: In verKAUFen liegt die Betonung nicht auf ver-, sondern auf dem Stamm kauf. Bei trennbaren Vorsilben ist die erste Silbe dagegen oft betont: EINkaufen. Für die acht Vorsilben dieses Artikels kannst du dich im Grundwortschatz zuverlässig an die Untrennbarkeit halten.
Im Nebensatz steht die konjugierte Verbform häufig am Ende: Ich weiß, dass er seine Oma besucht. Dort bleiben auch die Teile vieler trennbarer Verben zusammen: Ich weiß, dass er seine Oma anruft. Allein die Endstellung im Nebensatz zeigt daher nicht sicher, zu welcher Gruppe ein Verb gehört. Hauptsatz, Partizip II und zu-Infinitiv liefern deutlichere Hinweise.
Über die Grundlagen hinaus
Die folgenden Einzelheiten musst du auf A1 noch nicht aktiv beherrschen. Sie erklären aber Formen, die dir später begegnen.
Vorsilben, die trennbar oder untrennbar sein können
Neben den acht klaren Vorsilben gibt es erste Verbteile wie durch-, über-, um-, unter-, wieder- und wider-. Je nach Betonung und Bedeutung können Verben damit trennbar oder untrennbar sein. Die Betonung trägt dann zur Bedeutung bei.
Ein bekanntes Paar ist umfahren:
- Der Bus umfährt die Baustelle. – Er fährt um die Baustelle herum; das Verb ist untrennbar.
- Der Radfahrer fährt den Mülleimer um. – Der Mülleimer fällt durch den Zusammenstoß um; das Verb ist trennbar.
Auch übersetzen hat zwei Muster:
- Sie übersetzt den Brief. – Sie gibt den Inhalt in einer anderen Sprache wieder.
- Die Fähre setzt zum anderen Ufer über. – Sie fährt auf die andere Seite.
Bei solchen Verben sollte das Wörterbuch Auskunft über Betonung, Bedeutung, Partizip und Trennbarkeit geben. Die Schreibweise des Infinitivs allein reicht nicht aus.
Mehrere Vorsilben und längere Verben
Ein Verb kann mehr als einen erkennbaren Wortteil enthalten. Bei missverstehen stehen sogar miss- und ver- vor dem Stamm. Trotzdem wird nichts abgetrennt: Ich missverstehe dich; ich habe dich missverstanden; ohne dich misszuverstehen wäre falsch, richtig ist ohne dich zu missverstehen.
Bei Verben auf -ieren fehlt das Partizip-ge- ebenfalls: studieren → studiert, reparieren → repariert. Das ist eine eigene Regel und keine Folge einer der acht Vorsilben. In einem Verb wie missinterpretieren → missinterpretiert wirken beide Gründe in dieselbe Richtung: Es erscheint kein ge-.
Bedeutung und Satzbau können sich gemeinsam ändern
Die Vorsilbe verändert manchmal nicht nur die Wortbedeutung, sondern auch die Ergänzungen des Verbs. Eine Ergänzung ist ein Satzteil, den das Verb verlangt oder typischerweise bei sich hat. Vergleiche:
- Ich antworte dem Kunden – dem Kunden steht im Dativ (der Form für den Empfänger oder Beteiligten).
- Ich beantworte die Frage – die Frage steht im Akkusativ (hier: das, worauf die Handlung direkt gerichtet ist).
Auch deshalb lohnt es sich, ein neues Verb zusammen mit einem ganzen Mustersatz zu lernen. Die Vorsilbe allein verrät nicht, welche Satzteile folgen.
Übungstipps
- Lerne drei Formen zusammen. Notiere zu jedem neuen Verb den Infinitiv, einen Hauptsatz und das Partizip II: verkaufen – sie verkauft das Rad – sie hat das Rad verkauft. So speicherst du Trennbarkeit und Vergangenheitsform gleichzeitig.
- Markiere die Betonung beim Sprechen. Sprich Wortpaare wie kaufen – verkaufen und zählen – erzählen laut. Betone bei untrennbaren Verben den Stamm, nicht die Vorsilbe.
- Sortiere neue Verben. Lege zwei Listen an: untrennbar (besuchen, erklären, verstehen) und trennbar (anrufen, einkaufen, aufstehen). Ergänze zu jedem Verb eine Form mit zu. Der Kontrast macht die Regel leichter sichtbar.
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